So zogen die Nonnen, die gekommen waren, Annchen in ihr Kloster zu führen, allein wieder ab, und taten es gern. Die armen Dinger hatten ihre liebe Not mit den vielen Ketzerkindern, die nach ihren gefangenen oder getöteten Eltern jammerten, und begehrten nicht noch eins dazu. —
Während Anna im fernen Wäldchen fest schlief, hielten ihre beiden treuen Begleiter ernstlich Rat, wie der lange gefährliche Weg am sichersten zurückzulegen sei. Daß es zu jener Zeit noch keine Eisenbahn gab, weiß wohl jeder Leser dieses Buches, aber wie mangelhaft und unsicher die damaligen Reisegelegenheiten, wie schlecht die Wege und wie groß die Beschwerden des Wanderers damals waren, ist nicht allen bekannt. Von Vergnügungsreisen war überhaupt nur bei Fürsten und sehr reichen Leuten die Rede, und die meisten Frauen und Kinder kamen nie über die nächste Umgebung ihrer Stadt oder ihres Dorfes heraus.
Zuerst zählten Grete und Gottfried das Geld aus Annchens Beutel und Gottfrieds Tasche. Es war sehr viel; weit mehr, als man erwartet hatte. Ja, es hätte sogar gereicht, um einen mit Vorhängen versehenen Wagen und ein Pferd dazu zu kaufen, wie es geistliche Herren und vornehme Damen zur Reise benutzten. Aber das ging nicht. Ein solcher Wagen ward nur auf Bestellung gefertigt. Man hätte in der nächsten größeren Stadt lange darauf warten müssen; man wäre erkannt worden, und dann? — Nein, als schlichte Landleute gekleidet, mußte man auch reisen wie diese. Zwei zahme Rößlein wollte man sobald als möglich erhandeln. Eins für Gottfried, der manchen Ritt mit seinem Herrn getan, eins für Grete, die von Jugend auf die Ackergäule ihres Vaters herein- und herausgeritten hatte. Annchen würde bald lernen, sich hinter ihr zu halten; es war damals nichts Seltenes, daß zwei auf einem Rosse saßen. Tief, tief verbargen nun die beiden Getreuen ihren Reichtum im Gewande, nur etwas kleine Münze für den Gebrauch bereit haltend.
Endlich erwachte das Mädchen und drängte selbst zum Aufbruch. Aber ach, wie bleich sah es aus! Wie trübe waren die lieben Augen, wie matt die holde Stimme! Dennoch schritt es, von Grete geführt, tapfer dahin, als man bald darauf die Landstraße erreicht hatte.
Diese war nicht, wie jetzt, sorgfältig geebnet, auch nicht mit Ablaufgräben und Fußwegen eingefaßt, noch weniger mit Schattenbäumen bepflanzt. Rauh und steinig, reichlich mit Löchern und allerlei Unebenheiten versehen, zog sie sich, von der Sonne bestrahlt und ausgedörrt, dahin, wenn nicht hier und da ein Baumgarten oder gar ein Wäldchen Schatten gab. Aber fruchtbar und wohlangebaut war das Land ringsumher. Frischgrüne, mit Blumen besäete Wiesen wechselten mit sprossenden Feldern ab. Bauernhöfe, Edelsitze, Dörfer sah man liegen, auch hier und da ein Kloster, an dem man so schnell als möglich vorüber eilte.
Menschen begegnete man genug! Obgleich man damals nur wenig reiste, so war doch die Landstraße, als einziger Reiseweg, meist recht belebt. Zu jener Zeit ward manches Handwerk im Umherziehen betrieben. Da kam ein Kesselflicker, ein Glaser, ein Zimmermann gezogen, sein Werkzeug im Sack auf dem Rücken, oder in kleinem Karren vor sich her schiebend. Ein Metzger fuhr einher, in dessen Wagen ein paar Kälber blökten, während eine angebundene Kuh traurig hinterher trabte. Die Ledertasche über seiner Schulter ward wohl an manchem Ort sehnlich erwartet, da er zugleich Briefträger war. Dort trat unter den Bäumen ein Bettelmönch hervor, zudringlich eine Gabe heischend. Es war nicht geraten, ihn abzuweisen; nicht selten bargen diese Leute Waffen unter der Kutte. Horch! War das nicht Lautenklang? Ja, da stand der arme Lautenschläger; neben ihm sein Weib mit der Harfe, das Kindlein, in ein Tuch gebunden, auf dem Rücken. Sie sangen ein schwermütiges Volkslied und dankten herzlich für den Groschen, den Gottfried ihnen reichte. Wandernde Schüler und Handwerksburschen zogen lustig ihre Straße; ein Wunderdoktor pries seine Salben an, um Annchens bleiche Wangen zu röten. Aber jetzt beschleunigten die Flüchtlinge ihre Schritte, denn es nahte sich ein stattlicher Zug. Auf schneeweißem Roß kam ein hoher geistlicher Herr geritten, umgeben von zahlreicher Dienerschaft. Ein Lastesel trug das reichliche Gepäck des wohlbeleibten Reisenden.
Ein paar Stunden war man gewandert, als Annchens Kraft anfing zu erlahmen. Es konnte ja nicht anders sein nach dem furchtbaren Schreck und dem bitteren Kummer im Herzen! In einer Baumgruppe nicht weit vom Wege ließ man sich nieder, um zu ruhen und etwas zu essen. Ach, das Mädchen und auch die arme Grete benetzten ihr Brot mit Tränen; selbst Gottfried hatte Mühe, nicht das gleiche zu tun. Sorgenvoll stützte er den Kopf mit der Hand. Wie sollte er, der junge, unerfahrene Bursche, diese beiden, die sich auf ihn verließen, ans Ziel bringen? Würde das zarte Kind, das er, ach! so sehr liebte, in seiner tiefen Trauer die Anstrengungen der Reise ertragen? Ach, war nicht auch ihm das Herz so schwer, daß er kaum die Gedanken zusammenhalten konnte?
Aber horch! Klang das nicht wie das Rollen und Knarren vieler Räder? Richtig! Es nahte sich ein Zug von mehreren mit Leinwand überspannten Wagen, von einigen bewaffneten Reitern geleitet. Später erfuhren die Flüchtlinge, daß sie überseeische Waren enthielten, die, im Hafen von Antwerpen angekommen, nun nach Deutschland gebracht wurden. Gottfrieds scharfer Blick bemerkte gleich, daß der erste Wagen nicht ganz gefüllt war. Zwischen den Ballen und der Plane war noch schöner, schattiger Raum. Da faßte er sich ein Herz und trat, bescheiden grüßend, auf den ersten Reiter zu.
»Was begehrst du, Bube?« fuhr ihn dieser an.
»Nichts für mich«, war die Antwort, »nur für jene Frau und das Mägdlein, die dort ermattet ruhen. O, wenn sie eine Strecke mitfahren dürften! Wir müssen heute noch das Städtlein N. erreichen.«