Zu derselben Zeit ward es lebendig im Fischerdorf. Warum läutete wohl niemand zur Frühmesse? Warum blieb es so still im Pfarrhof? Das Hühnervolk war wohl noch eingesperrt im Stalle, dagegen heulte der Hund von Zeit zu Zeit ganz jämmerlich und zerrte an seiner Kette. Ein paar Männer machten sich auf, um nachzusehen. Tor und Türen fanden sie offen, und alles an seinem Platz, doch war kein lebend Wesen zu sehen. Was mochte wohl geschehen sein? So groß war die Angst vor dem geistlichen Gericht, daß man sich nur leise allerlei Vermutungen zuflüsterte, die sich nur zu bald bestätigten.
Als die Sonne höher gestiegen war, nahte sich von der Stadt her eine seltsame Prozession. Allerlei Gerät tragend, wandelten einige Mönche voran; ihnen folgte auf zahmem, wohlgepflegtem Rößlein ein Würdenträger des Klosters. Dann kam ein geschlossener, mit Vorhängen versehener Wagen, wie ihn zu jener Zeit Frauen höherer Stände zum Reisen benutzten. Den Schluß machten einige bewaffnete Klosterknechte.
Auf dem Kirchplatz hielt der Zug, um den sich bald alle versammelten, die sich wohl die Freundlichkeit des Leutpriesters gefallen lassen hatten, gegen seine Lehren aber stumpf geblieben waren. Dagegen zogen sich seine Anhänger traurig in ihre Hütten zurück. »Läutet die Glocke und öffnet die Kirchtür«, befahl der Priester. Es geschah, und die Versammelten drängten sich, meist noch in sehr mangelhafter Kleidung, in das Kirchlein. Auch Frau Berta erschien, bleich und überwacht, einen schwarzen Schleier über das Haupt geworfen. Sie kniete in der vordersten Reihe neben den fremden Nonnen.
Nun erhob der fremde Pater seine gewaltige Stimme und belehrte die Versammlung, daß dieser Altar schrecklich verunreinigt sei, da ihn der Fuß eines Ketzers betreten, und seine Hände die heiligen Bücher und Geräte berührt hätten. Er sei gekommen, die Reinigung des Heiligtums vorzunehmen und den bösen Geist der Ketzerei zu bannen. Und nun begann er mit fürchterlicher Stimme und seltsamen Gebärden seine lateinische Teufelsaustreibung zum großen Entsetzen der Zuhörer, die freilich kein Wort davon verstanden. Ein Mönch reichte ihm einen Wedel, der andere hielt das Becken mit Weihwasser, womit er nun nicht allein Altar und Kanzel mit allem Zubehör, sondern auch die Wände und die Köpfe der Zuhörer reichlich besprengte. Nun erst durfte man hoffen, die Wirksamkeit des treuen, liebreichen, kindlich frommen Pater Thomas gänzlich unschädlich gemacht zu haben, so daß man getrost die Messe halten konnte.
Die Klosterknechte hatten nicht an der Feier teilgenommen, da etliche den Pfarrhof bewachen mußten, zwei aber hinauf zum Schlößchen gesandt worden waren. Nach beendigtem Gottesdienst wandelte der Pater befriedigt hinüber zum Pfarrhofe, war aber sehr empört, daß von der Schwester des Gefangenen keine Spur zu entdecken war, wohl aber etliche Anzeichen schleuniger Flucht. Nun, an Jungfer Grete war wenig gelegen; das Töchterlein des Goldschmieds war bessere Beute. Gewiß hielt es die Pflegerin im Schlößlein verborgen.
Aber sieh, da nahte sich Frau Berta dem Gewaltigen, kniete vor ihm nieder und sprach:
»Eure Knechte, ehrwürdiger Vater, haben das Schlößlein durchsucht bis in den äußersten Winkel; dennoch wollen sie mir nicht glauben, daß das Kind des Ketzers geflohen sei mit der Schwester des Verführers. Jetzt stärken sie sich mit Speise und Trank in meiner Küche, und ich bitte Euch, ein Gleiches zu tun im besten Gemach, und mich dann von den Zudringlichen zu befreien.«
Sich huldvoll neigend, erwiderte der Priester: »Ihr waret die Pflegerin des Jungfräuleins? Habt Ihr keine Ahnung, wo es sich hingewendet haben mag?«
»Ach, ehrwürdiger Vater, mir ist davon nichts bewußt! Groß und weitverbreitet waren die Handelsverbindungen meines unglücklichen Herrn, zahlreich und mächtig seine Freunde. Wer kann wissen, wo es Zuflucht gesucht hat? Mein Herz ist schwer, und mein Denken verwirrt, da ich nicht nur das Kind, sondern auch meinen einzigen Sohn verloren habe.«
Sie brach in Tränen aus, und der Priester gab sich zufrieden. War doch die Zahl der Opfer, die in diesen Tagen dem geistlichen Gericht in die Hände fielen, so groß, daß die Blutgier der »heiligen Kirche« reichlich befriedigt ward.