Nun war alles bereit. Annchen hatte, bleich und still, alles mit sich machen lassen. Jetzt faltete sie die Hände und betete mit sanfter Stimme: »Der HErr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um Seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir; Dein Stecken und Stab trösten mich.«
Den andern war es, als habe ein Engel vom Himmel gesprochen. Einen Blick warfen sie noch zurück ins freundliche Stübchen, nach dem Kirchlein und dem Schlößchen, dann ging's in Nachtstille und Dunkelheit hinab zum Strand. Wolken flogen über den Mond, so daß sein Licht nur dann und wann den Pfad erhellte. Aber nun begann Annchens Kraft zu erlahmen. Sie zitterte und schwankte; der Fischer hob sie empor und trug sie in den Kahn, wo Grete fürsorglich ein Kissen zurechtgelegt hatte. Da schwanden ihr die Sinne, und als sie endlich aus tiefer Ohnmacht erwachte, schaukelte das Schifflein schon weit draußen auf den Wellen. Zuerst war es dem Mägdlein, als habe es nur schwer geträumt; als es aber zu voller Besinnung kam, machte sich der Jammer in heißen Tränen Luft, und Grete weinte mit ihr, während Gottfried seinen Kummer männlich bezwang.
Aber in Zeiten besonderer Trübsal gibt Gott auch besondere Kraft; und wenn das Auge kein irdisches Glück mehr sieht, blickt es um so klarer in die himmlische Herrlichkeit hinein. Darum trösteten die drei Flüchtlinge einander mit lieblichen Sprüchen der heiligen Schrift, und befahlen sich und die teuern Gefangenen immer aufs neue in Gottes Hände. Dennoch war es eine schwere, jammervolle Fahrt!
Gegen Morgen kehrte der Fischer den Kiel dem Lande zu und ließ das Schifflein in eine kleine Bucht einlaufen.
»Sieh«, sprach er zu Gottfried, »Ihr müßt nun über den Ufersand jenem Wäldchen zustreben, dann findet Ihr leicht die Landstraße, die nach Morgen zu führt. Weiter kann ich Euch nicht raten, da ich nur ein unwissender Mann bin. Ihr aber seid zur Schule gegangen und findet Euch wohl auf der Welt zurecht?«
»So Gott will, ja«, erwiderte Gottfried. »Die Namen der Städte und Marktflecken, durch die man reisen muß, wenn man nach Magdeburg will, kenne ich wohl. Mein guter Herr hat sie mich gelehrt.«
»Auch mir erzählte er viel davon, der gute, liebe Vater«, sprach Annchen. »O, wenn wir nur schon bei Herrn Burkhardt wären! Denkt ihr, daß er etwas tun kann, den Vater und Pater Thomas zu retten?«
Niemand antwortete auf diese kindliche Frage. Aengstlich schaute Anna von einem zum andern, barg das Gesicht eine Weile an Gretes Brust und war dann wieder still und gefaßt.
»Nun behüte und geleite euch der starke Gott«, sprach der Fischer, als er die drei ans Land gebracht. »Ich fahre nun heim und rüste stille zur Auswanderung, werde auch nicht der einzige sein, der das tut. Wir mögen keinen dummen Mönch an der Stelle unseres treuen Hirten sehen!«
Lange blickten die Flüchtlinge dem Kahne nach, stärkten sich mit ein wenig Speise und wanderten dann dem Wäldchen zu. Dort ward das zarte Mägdlein von Müdigkeit übermannt und sank, treu behütet von den Gefährten, in einen langen, tiefen Schlaf.