Annchen aber trat zu ihm und sprach: »Gottfried, sprich die Wahrheit! Ich will alles tragen, was Gott schickt, aber die Wahrheit will ich wissen. Ist mein Vater gefangen?«
»Ihr sagt es!« stammelte der Bote, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte laut. »Ihn und unsern guten Leutpriester schleppte man gebunden aus dem Hause.«
Da schrie Grete laut auf, rang die Hände, warf sich nieder und gebärdete sich schier unsinnig.
Das Kind aber stand still weinend am Fenster, schaute gen Himmel und flüsterte: »Mütterlein, lieb Vater ist nun bald bei dir, und bald, bald komme auch ich.« Dann schlang sie die Arme um Grete und bat:
»O, schützet mich, gute Jungfer; ich bin ja nun ganz allein auf der Welt! O, laßt die schwarzen Klosterleute nicht kommen und mich wegholen! Ich fürchte mich vor ihnen!«
Da bezwang Grete ihren Schmerz, rang aber ratlos die Hände und fragte:
»Was sollen wir tun? Wohin sollen wir fliehen?«
»Eine weite Reise liegt vor uns; wir müssen nach Magdeburg zu Meister Burkhardt«, sprach Gottfried. »Ich sehe jetzt nach meiner Mutter. Indessen müßt Ihr ein Bündel schnüren, wie Wandersleute es tragen, auch für Anna geringere Kleidung schaffen und wohl auch für mich. Ihr, gute Jungfer, könnt in Eurem ländlichen Rock und Mieder wohl als unsere Mutter gelten. Bevor der Morgen graut, muß jede Spur von uns verlöscht sein. Unterdrückt Euer eigenes Leid, und gedenket nur des Kindes.«
Mitternacht war vorüber, als Gottfried bleich und traurig vom Schlößlein wieder herabstieg zum Leutpriesterhäuschen. All sein Bitten, Weinen und Mahnen war vergeblich gewesen; ja, zuletzt hatte sich die Mutter von ihm losgesagt als von einem verfluchten Ketzer. O wie schwer war ihm das Herz! Doppelt schwer, da er wohl wußte, daß seine Mutter der neuen, seligmachenden Lehre zuerst gern gelauscht, sich aber zurückgezogen hatte, sobald die Verfolgung ausbrach. O wie elend mußte sie sich fühlen, wie friedlos! Viel unglücklicher war sie, als die beiden edlen Männer in ihren Banden!
Gottfried aber fühlte, daß es jetzt Zeit sei, sein eigen Leid ganz zu vergessen und sich mit männlichem Mute der Rettung des Kindes hinzugeben. Grete hatte indes die Nachbarsleute geweckt, die für ihren Leutpriester durchs Feuer gegangen wären. Der verständige Mann riet, die Flucht zu Wasser zu beginnen, um sogleich jede Spur zu verlöschen. Während er seinen großen Kahn flott machte und allerlei drin barg, was gut für die Reisenden war, kleidete man Annchen in den Sonntagsanzug der ältesten Tochter. Auch für Gottfried fand sich ein bäurisches Wams und grobe Schuhe.