Mit Waffen Gott's uns fristen.

Amen, Amen, das sei wahr,

So singen wir: Halleluja!«

Das Lied war ihm bekannt. War es doch die alte Bittfahrtlitanei, die Doktor Luther »gebessert und christlich korrigiert« hatte. Da faßte er sich ein Herz und lief mit lautem Ruf auf die Wanderer zu, die alsbald stillhaltend seine Ankunft erwarteten und seinem Bericht mit herzlicher Teilnahme lauschten. Es waren Landleute, die zum Gottesdienst in die Stadt zogen. Horch! Da tönte schon feierlicher Glockenklang durch die klare Morgenluft. Im Wäglein saßen geputzte Leute, die ein wohleingewickeltes schlafendes Kindlein zur Taufe führten. Einer sprach zu dem Jüngling:

»Ganz unnütz habt ihr euch geängstet. Ringsum ist alles Land evangelisch, so daß man euch in jeder Hütte freundlich aufgenommen hätte. Eilet«, rief er einigen Männern zu, »bringt das Mägdlein herbei, daß wir's sanft in den Wagen betten! Seid getrost, braver Bursch; die Mühsal eurer Wanderschaft ist zu Ende.«

Wie ein Traum erschien es den Flüchtlingen, als man sie wie geehrte Gäste in die schöne Stadt einführte, und sich um die Freude stritt, sie zu pflegen und zu herbergen.

Nach kurzer Zeit ruhte Annchen in einem Patrizierhause auf weichem Lager; der beste Arzt der Stadt stand mit ernstem Angesicht dabei und verhehlte den Gastfreunden nicht, daß das Leben des zarten Jungfräuleins in großer Gefahr sei. Mehr noch als die ungewohnten Anstrengungen der Reise habe wohl der lange zurückgedrängte Kummer um den Vater die Krankheit verursacht. »Beginnt sie einmal um ihn zu klagen, so laßt sie getrost sich ausweinen, und macht ihr ja nicht Hoffnungen, an deren Erfüllung ihr selbst nicht glaubt. Was Gott schickt, das hilft Er auch tragen.«

Von Grete und der edlen Hausherrin aufs zärtlichste gepflegt, lag das Mädchen lange in schweren Fieberträumen, so daß man um sein Leben zagte. Doch kam das Schlimmste erst, als es zu vollem Bewußtsein erwachte, und das schreckliche Schicksal des geliebten Vaters ihm klar vor Augen stand. »O, warum durfte ich nicht sterben?« jammerte es. »Warum reicht ihr mir Arznei und Stärkung? O, laßt mich doch ins Himmelreich gehen zum lieben Vater! Was soll ich armes Kind noch auf der Welt?«

Niemand gebot ihren Tränen Einhalt, niemand wendete sich ungeduldig oder gar gekränkt von ihr ab, wenn sie so jammerte. Ach, alle hatten ja erfahren, mit wie inniger Liebe Vater und Kind aneinander gehangen! Wohl aber saß der freundliche Stadtpfarrer oft am Krankenbett und ermahnte das Mägdlein mit sanften, ernsten Worten, sich in Gottes Ratschluß zu fügen. Er wußte auch gar lieblich zu schildern, wie der Heiland des Vaters Herz mit reichem Trost erfüllen und ihm im Himmel die Krone der Ueberwinder aufs Haupt setzen werde, so daß Annchens empfängliches Herz sich nach und nach dem Trost öffnete.

Auch für die gute Grete waren das köstliche Stunden, denn wenn sie auch gewöhnt war, das Empfinden ihres treuen Herzens vor der Außenwelt zu verbergen, trauerte sie doch gar bitter um den geliebten Bruder. Wenn die Kranke schlief, erhielt Gottfried, der im Geschäft des Hausherrn fleißig mit zugriff, zuweilen Erlaubnis, sie zu sehen. Dann ließ auch er den Tränen freien Lauf, die er sonst männlich zurückdrängte. Ach, die beiden andern trauerten um Glaubenshelden, die vielleicht schon die Krone der Ueberwinder trugen! Er trauerte um eine, die die wohlerkannte Wahrheit aus Menschenfurcht und Kreuzesscheu verleugnete!