Inzwischen hatten schnelle Postreiter die Nachricht von der Ankunft und dem Schicksal der Flüchtlinge längst nach Magdeburg gebracht; ja, unter Annchens Kopfkissen lag ein gar herrlicher Brief, den Herr Burkhardt ihr gesendet. So oft ihr das Herz zum Zerspringen schwer ward, las sie ihn immer von neuem durch, und konnte die lieblichen Trostsprüche, die er enthielt, schon auswendig.

Inzwischen war das fromme, liebliche Mädchen der kinderlosen Hausfrau so lieb geworden, daß sie es gern ganz bei sich behalten hätte. Doch ging das nicht an, da des Vaters Wille erfüllt werden mußte.

Darum hielt eines Tages ein schöner verhangener Wagen, mit zwei edlen Pferden bespannt, vor dem Patrizierhaus, denn Herr Burkhardt und sein Weib waren selbst gekommen, die Tochter des Freundes und ihre Gefährten heimzuholen. Nach einigen Rasttagen reisten sie ab, begleitet von den Segenswünschen der Gastfreunde und vieler Bürger, die sich versammelt hatten, um den Flüchtlingen, die so Schweres erduldet, Gottes Geleit zu wünschen. Die Frauen saßen auf weichen Polstern, reichlich versorgt mit allerlei köstlichen Erquickungen, während Herr Burkhardt und Gottfried zur Seite ritten.

O wie lieblich reiste sich durchs evangelische Land! Ueberall Glaubensgenossen, überall Herzen, die Gottes Wort für ihren höchsten Schatz ansahen! Wie herrlich klangen die Lieder, die Luther und seine Freunde der Kirche geschenkt! Wie tröstlich erschallte in jedem noch so geringen Kirchlein, das man betrat, die Botschaft von der freien Gnade Gottes in Christo! Und ringsum verkündeten die waldigen Berge, die blumenreichen Auen, die goldenen Felder die Liebe und Allmacht des himmlischen Vaters. Da war's kein Wunder, daß selbst Annchens Blick sich wieder öffnete für die Schönheit der Gotteswelt, und leise, leise Trost und Frieden in ihr krankes Herz einzog.

9. Im Gefängnis.

Als man an jenem Abend den Goldschmied und den Leutpriester gefangen genommen, brachte man sie, getrennt von ihren Leidensgefährten, nach dem Dominikanerkloster, in dessen Schule Thomas glückliche Jugendjahre verlebt hatte. Den abgelegenen, von hohen, kahlen Mauern umgebenen Hof, in den man ihn und den Freund jetzt schleppte, hatte er damals nie betreten. Nur Dietrich, das wilde Reiterlein, war auf seinen tollkühnen Entdeckungsfahrten einmal hineingeraten, und hatte dann dem Freunde schaudernd erzählt, er habe ganz deutlich Jammertöne gehört durch ein Luftloch in den düsteren Steinwänden. Nachdem man den Gefangenen die Knebel aus dem Munde genommen, stieß man sie eine Treppe hinab in einen finsteren Kerker, wo sie todesmatt aufs halbverfaulte Stroh niedersanken. Die Tür fiel zu, und alles war still. Lange, lange lagen sie regungslos, erstarrt an Leib und Seele durch die schreckliche Wendung ihres Schicksals.

Endlich tastete der Goldschmied mit der gefesselten Hand nach der des Freundes und drückte sie zärtlich.

»Gott sei gelobt«, flüsterte er, »daß wir beisammenbleiben durften! Laß uns nun tapfer den letzten Kampf bestehen! Auch uns wird der Heiland Rosen unter die Füße streuen, wie jenen ersten Märtyrern unserer Stadt.«

»Wird man uns gleich töten? Vielleicht morgen schon?« fragte Thomas mit bebender Stimme.

»Ich glaube es nicht! Man wird erst versuchen, uns zum Widerruf zu bringen. Sei gewappnet, Freund! Du bist tiefer in die göttliche Wahrheit eingedrungen als ich. Streite mutig für sie!«