»Ich will, ich will!« rief Thomas. »Aber bete du für mich, denn dein Herz ist frei und stark. Ach, das meine erzittert vor dem Tode! Das Leben war so schön, und ich bin noch so jung!«
Der Goldschmied sah nicht die Tränen, die das Antlitz des Freundes unaufhaltsam überströmten, hörte aber wohl die tiefen, schmerzlichen Seufzer, in denen sein kindliches Gemüt von der schönen Gotteswelt Abschied nahm. Leiser und schwächer wurden sie und schwiegen endlich ganz, denn Thomas war eingeschlafen. Der Goldschmied aber durchwachte die ganze Nacht in heißem Gebet und Flehen für sich und den Freund und für sein geliebtes, verlassenes Kind. Erst gegen Morgen schlossen sich seine Augen zu leichtem, kurzen Schlummer, und ein wunderlieblicher Traum umfing ihn. Es war ihm, als stehe er am Fuße eines hohen, steilen Berges, dessen Abhang mit Dornen, Disteln und scharfen Steinen bedeckt war, während wunderherrlicher Strahlenglanz seinen Gipfel umleuchtete. Nur auf halber Höhe befand sich, wie eine Oase in der Wüste, ein liebliches Ruheplätzchen, von einem weitästigen, blühenden Baume überschattet. Dort saß, zwischen einer Gruppe schöner Kinder, sein Töchterlein, Blumen zum Kranze windend. Den dornigen Pfad nicht achtend, wollte er zu ihm emporsteigen, als in dem Strahlenglanz des Gipfels eine andere Gestalt sichtbar ward. Schneeweiß gekleidet, eine Krone auf dem blonden Haupt, stand sie regungslos, die Hände nach ihm ausstreckend. »Elsbeth, meine Elsbeth! Ich komme!« rief er laut, und erwachte im dunkeln Kerker. »Ja«, sprach er zu sich selbst, »Gott wird mein Flehen erhören und mein Kind nach mancher Mühsal zu den Freunden bringen; ich aber werde bald, o wer weiß, wie bald, Hand in Hand mit der Geliebten vor Gottes Thron knieen. Dann wird der rauhe, dornenvolle Weg ganz vergessen sein.«
Matter Lichtschein, der durch eine Oeffnung hoch oben in der Mauer drang, verkündete endlich den Morgen; bald klang Glockenton zu den Verlassenen hinab und erweckte auch Thomas aus dem Schlaf der Erschöpfung.
»Wer wird jetzt in meinem Kirchlein vor den Altar treten?« seufzte er schmerzlich. »Sicher wird er alle Kraft anwenden, einzureißen, was ich mit Lust und Mühe gebaut habe.«
Endlich öffnete sich die Kerkertür, und ein Mönch stellte schweigend Brot und Wasser vor die Gefangenen hin. Thomas wandte sich mit Widerwillen davon ab, doch bat ihn der Freund, einige Bissen zu essen.
»Sie werden kommen, mit uns zu streiten, um uns zum Widerruf zu bringen«, sprach er. »Wie willst du tapfer kämpfen, wenn dein Leib halb verschmachtet ist?«
Aber diesen und noch manchen langen Tag warteten sie vergeblich auf Gelegenheit, ihren Glauben zu bekennen. Niemand nahte sich ihnen, als der Mönch, der die dürftige Nahrung brachte; und kein Laut drang zu ihnen herab, als der dumpfe Ton der Klosterglocken. Wäre Thomas allein gewesen, würde er wohl seine Kraft in Klagen und Jammern erschöpft haben, denn die Sehnsucht nach seinem bescheidenen Heim, nach der Schwester, nach seinen Leuten und der gewohnten, ihm so lieb gewordenen Arbeit war allzu stark in seinem jungen Herzen. Der Goldschmied aber schien ganz abgeschlossen zu haben mit dem irdischen Leben; sein Sinn war nur aufs Himmlische gerichtet, und endlich gelang es ihm, den Freund mit sich fortzureißen. Manche Stunde verging in eifrigem Gespräch über die Lehren, die den Feinden besonders zuwider waren. Dann war es den beiden, als tue sich über ihnen der Himmel auf, als hörten sie schon des Heilandes Stimme, die sie einlud ins selige Paradies: »Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein! Ihr frommen und getreuen Knechte, gehet ein zu eures HErrn Freude!«
Eines Morgens aber öffnete sich endlich die Kerkertür, und zwei Klosterbrüder traten ein. Es waren nicht solche, deren feisten Gesichtern und runden Bäuchen man ansah, daß sie nur Wohlleben im Mönchsstand suchten. Nein, ihre hohen Stirnen, ernsten Augen und eingefallenen Wangen bezeugten, daß sie nicht nur eifrig studiert, sondern auch in strengster Befolgung der Ordensregel gelebt hatten. Und nun begann hier unten ein Kampf der papistischen Finsternis gegen das neue Himmelslicht des Evangeliums, der durch viele Tage mit List und Gewandtheit von der einen, aber auch mit wachsender Begeisterung von der andern Seite geführt wurde. Doch ging es dabei, wie Luther in jenem Liede spricht:
»Sie sungen süß, sie sungen sau'r,
Versuchten viele Listen;