Die Knaben stunden wie ein' Mau'r,

Veracht'ten die Sophisten.«

Wohl waren die Mönche gewandter und gelehrter, doch stützten sie sich auf das schwankende Rohr menschlicher Weisheit, während die armen Gefangenen nur eine einzige, aber eine unüberwindliche Waffe hatten, »das Wort Gottes«. Oft konnten die Klosterbrüder nur mit Mühe ihren Zorn zurückhalten, wenn diese elenden Menschen jede Irrlehre, jeden Mißbrauch mit klaren Worten der heiligen Schrift zurückwiesen. Wohl verstand der Goldschmied seinen Glauben auch in begeisterter, tiefempfundener Rede zu verteidigen; dagegen bewies der Leutpriester die göttliche Wahrheit schlicht und felsenfest mit den Sprüchen, die er in glücklichen Tagen Annchen und seine lieben Schulkinder gelehrt hatte. Dies letztere erbitterte die Feinde am meisten. Dieser junge Mann, der ihnen noch vor wenig Jahren als demütiger Klosterzögling gedient, widerstand ihnen jetzt mit kurzen, schlichten Worten, die schon ein Kind nachlallen kann! Und all ihre Weisheit, all ihre spitzfindige Beredsamkeit konnte ihn nicht besiegen! Gewiß, sie konnte es nicht; ebensowenig, als ein Mensch Gott besiegen kann.

Aufs höchste erbittert, mit drohenden Gebärden, verließen die Mönche eines Tages den Kerker, um nicht wiederzukehren.

Als sich am nächsten Morgen sehr frühe die Tür wieder öffnete, waren die Gefangenen ganz bereit, den letzten Gang anzutreten. Von einer Anzahl bewaffneter Klosterknechte bewacht, brachte man sie hinab zum Flußufer und stieß sie in einen Kahn. Zwei der Knechte sprangen herein, und das Fahrzeug ward von kräftigen Ruderern stromaufwärts geführt. Während der ziemlich langen Fahrt begegneten des Leutpriesters Augen ein paarmal dem Blick eines Klosterknechtes, der unverwandt auf ihn gerichtet war. Der Mensch war von hoher Gestalt und mochte wohl riesenstark sein. Das wettergebräunte Antlitz trug nicht den stumpfen, geistlosen Ausdruck, der sonst dem Klostergesinde eigen war; die schönen schwarzen Augen blickten bald wild, bald schwermütig in die Welt hinaus. Nun, was ging es Thomas an? Er konnte ja keinem mehr etwas zuleid oder zulieb tun. Ein schrecklicher, bitterer Tod war ihm gewiß. Nur selten richtete das geistliche Gericht seine Opfer in der Heimat; sie wurden meist in eine andere Provinz gebracht. Fern von Verwandten und Freunden sollten sie sterben, damit ihre Marter und ihr Tod nicht allzuviel Mitleid errege und zur Rache auffordere. Darum hielten auch die beiden Gefangenen diese Kahnfahrt für ihren Todesweg.

Sie hatten sich indes geirrt. Sieh, dort erhob sich eine Insel aus der Flut. Zwischen grünen Büschen schaute ein fester Turm hervor, am jenseitigen Flußufer aber stand in nicht allzuweiter Ferne ein stattliches Kloster. Jetzt legte der Kahn bei der Insel an. Unter den Bäumen, die den Turm umgaben, spielten zwei liebliche blondhaarige Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, entflohen aber beim Anblick der Bewaffneten eilig in ein Häuschen, das dem Turme gegenüberstand. Jetzt trat ein Mann herzu, einen Schlüsselbund in der Hand. Die starke Turmtür ward geöffnet, und man führte die Gefangenen eine Treppe hinab in einen Raum, der dem Klosterkerker sehr ähnlich war. Nur drang durch ein größeres Fenstergitter hoch oben in der Mauer etwas mehr Licht und Luft herein; ja, es fiel eben jetzt ein warmer Sonnenstrahl auf die zwei Strohlager und die alte hölzerne Bank, die die ganze Einrichtung des öden Raumes bildeten. Die Tür fiel hinter den Freunden zu, und sie sanken auf das Lager nieder. Sollten sie hier wohl ihr Urteil erwarten, oder waren sie zu ewiger Gefangenschaft bestimmt?

Eine Stunde mochte vergangen sein, als der Schlüsselbund wieder rasselte, und die schwere Tür sich öffnete. Der Kerkermeister trat ein, einen Topf in der Hand tragend, in dem zwei hölzerne Löffel steckten.

»Mein Weib hat euch eine Suppe gekocht«, sprach der Mann; »die Morgenluft war eiskalt, und ihr seid erschöpft. Ich weiß einen Unterschied zu machen zwischen Mördern und Räubern und Männern eurer Art. Was ich kann, werd' ich für euch tun; doch ist es nicht viel. Reichet die Hände her; es ist mir erlaubt, euch die Fesseln abzunehmen. Aber denket nimmer an Flucht! Ich bürge für die Gefangenen mit meinem eigenen Leben, und bewaffnete Knechte bewachen den Turm.«

Damit stellte er den Topf auf die Bank und verließ den öden Raum. Die Freunde aber labten sich mit dankbarem Herzen an der ersten warmen Speise, die ihnen seit jenem Schreckensabend geboten ward.

Als sie so einander gegenüber saßen, fielen die Sonnenstrahlen durch die Fensteröffnung auf die Gestalt des Goldschmieds, und Thomas erkannte mit Schrecken, wie sehr er sich in den letzten Wochen verändert hatte. Nicht nur war sein dunkles Haar völlig ergraut und seine Wangen eingefallen, auch seine ganze Haltung war gebeugt und die Glieder furchtbar abgemagert. Er sah aus wie ein ganz alter Mann!