»Bist du krank, Geliebter?« fragte Thomas ängstlich, den Löffel hinlegend.

»Ich habe keine Schmerzen«, erwiderte der Gefährte, »wohl aber fühle ich ein stetes Schwinden aller Kräfte. Ich bin ja viel älter wie du, könnte wohl dein Vater sein! Obgleich ich mein Leben in redlicher Arbeit zugebracht habe, ist doch der Leib von Jugend auf etwas verwöhnt worden. Weiches Lager, warme Kleidung und kräftige Speise war immer für mich bereit, während du, mein Sohn, von klein auf hart gehalten wurdest. Nun ist mein Geist zwar willig, jede Entbehrung zu ertragen, aber der alternde Körper bricht darunter zusammen; das fühle ich wohl. Ja, mein Herzensfreund; wenn die Feinde meinen Tod beschlossen haben, so müssen sie eilen, sonst kommt Gott ihnen mit sanfter Hand zuvor.«

Wie ein scharfer Pfeil durchbohrten diese Worte das Herz des Leutpriesters! Ganz unerträglich erschien es ihm, vielleicht bald allein zurückzubleiben im öden Kerker. Doch bezwang er sich sogleich, streichelte die magere Hand des Freundes und erwiderte:

»Nun wohl; will dich Gott sanft gen Himmel tragen, so will ich gern allein den rauhen Weg gehen, der mich zu Ihm und zu dir führt.«

Wirklich nahmen des Goldschmieds Kräfte von Tag zu Tag ab. Bald konnte er nur noch selten in dem düsteren Raume auf und nieder gehen, sondern mußte Tag und Nacht auf dem Strohlager zubringen, das der Hüter des Turmes, gerührt durch die Geduld und edle Haltung der Gefangenen, durch ein Kissen und eine alte wollene Decke verbessert hatte. Auch konnte der Kranke das schwarze Brot nicht mehr genießen, und hätte elend verhungern müssen, wenn der barmherzige Mann nicht täglich ein Töpfchen Suppe oder ein Krüglein Milch hereingebracht hätte.

Ueberhaupt war dies zweite Gefängnis nicht ganz so finster und öde als das erste. Die Sonnenstrahlen, die am Morgen auf ein paar Stunden durch das Fenster drangen und die schwarze Wand vergoldeten, wurden täglich sehnsuchtsvoll erwartet, und an trüben Tagen schmerzlich vermißt. Die Fensteröffnung mußte dicht über dem Erdboden sein, denn siehe, etliche frische Grashalme zeigten sich darin und endlich sogar ein blaues Wiesenblümlein, dessen Entfalten und Verwelken die Freunde wehmütig beobachteten. Ein Vöglein sang auch manchmal ganz fröhlich vor dem Loch, und oft, sehr oft schallte das Jauchzen und Lachen der beiden Kinder bis hinunter zu den Verlassenen. Einmal kam es ganz nahe, und, o Wunder! ein kleines Händchen streckte sich durch die Oeffnung, ließ etwas niederfallen und verschwand. Am Boden aber lag ein schöner weißer Wecken, ein Festmahl für den Kranken! Aber ach, die Stimmen der Kinder hörte man von da an nicht wieder! Man hatte wohl gemerkt, was sie getan, und erlaubte ihnen nicht mehr, in der Nähe des Turmes zu spielen.

Still und einförmig schlich die Zeit dahin, und ward besonders dem jungen, an stete Arbeit gewöhnten Manne fast unerträglich lang. Das Lebenslichtlein des Aelteren glimmte fort von einem Tage zum andern, von einer finsteren Nacht zur andern.

Oft und gern ließ er sich von dem jungen Freunde Psalmen oder andere tröstliche Stellen der heiligen Schrift vorsagen. Dann vergaßen beide ihr Leid und schauten durch eine goldene Tür ins ewige, selige Leben. Die müden Augen des Kranken strahlten, sein Mund lächelte, und die abgezehrten Hände streckten sich verlangend aus nach der himmlischen Heimat. Ja, sein geistiges Auge erblickte schon den Heiland, und unter den Lichtgestalten, die Seinen Thron umgaben, war Eine, die er auf Erden so innig geliebt!

»Sage mir doch, Herzensfreund«, bat Thomas leise, »gedenkst du nicht auch sehnsüchtig deines Kindes, das nun verlassen zurückbleibt?«

»Oft gedenke ich seiner«, erwiderte der Kranke; »doch habe ich es ganz in Gottes Hände gegeben, wo es sicherer ist, als in den meinen. Ich hoffe, nein, ich weiß, daß es wohlgeborgen in Magdeburg ist. Gott hat mir die Gewißheit ins Herz gegeben! Und nun versinkt das Irdische mehr und mehr vor meinem Blick; das Himmlische aber wird täglich klarer! Das Kind wird mir Gott bewahren; das geliebte Weib aber werde ich wiedersehen in ganz, ganz kurzer Zeit! Anbetend werden wir zusammen vor Seinem Throne stehen. Sollte ich mich des nicht freuen?«