Thomas schwieg lange. Endlich aber schlug er die Hände vors Gesicht und begann bitterlich, o so bitterlich zu weinen.
»Herzensbruder, was betrübt dich so sehr?« fragte der Kranke erschrocken. »Fürchtest du den Tod?«
»Nein, nein«, schluchzte der andere, »aber ich beklage das Leben! Ich kann nicht anders; es war so schön, so wunderschön!«
Sanft streichelte der alte Freund das Haupt des jüngeren und sprach:
»Schütte dein Herz aus, du Armer; verbirg mir nichts!«
Thomas war vom Schemel herab aufs Stroh gesunken und jammerte:
»O, es war so schön, so lieblich! Schon lange kämpfe ich dagegen, schämte mich aber, es dir zu sagen. Du bist ein Held; ich aber bin der Märtyrerkrone nicht würdig, denn mein Herz hängt noch am Irdischen! Wenn ich an mein Häuschen denke, so traut und freundlich, an die liebe Schwester, die so emsig drin waltete, an meinen Garten, an das schmucke Kirchlein, o wie weh wird mir da! Aber am meisten vermiß ich die Kinder! O meine Kinder! Mein kluger Hans, mein sanftes Mariechen! O meine Kinder, meine lieben Kinder!« Das Gesicht im Stroh verbergend schluchzte der Arme so heftig, daß seine abgezehrte Gestalt wie vom Fieber geschüttelt ward. »Und wie wird es jetzt sein?« fuhr er bitter fort. »Mit Schlägen wird man ihnen austreiben, was ich sie mit Liebe gelehrt! Wer am schnellsten herplappern kann, was er nicht versteht, wird der beste Schüler sein; aber die Herzen werden leer bleiben. O meine Kinder, meine lieben Kinder!«
Der Körper des jungen Mannes bebte vor Erregung, und das Stroh ward naß von den strömenden Tränen. Der ältere Freund ließ ihn voll ausweinen, dann sprach er mit sanfter Stimme:
»Armer Thomas! Es mußte so kommen! Ein junges Herz hängt am Leben! Sei nur ganz getrost! Ist's Gottes Wille, daß du ein Märtyrer wirst, so wird Er dir zur rechten Zeit Mut, ja Heldenmut verleihen, denn den Aufrichtigen läßt es der HErr gelingen! Doch hat Er auch Macht, dich zu erretten, und dir noch auf Erden alles zwiefach wiederzugeben, was du jetzt verlassen mußtest. Ja, Ihm ist's ein leichtes, dir diese Kerkertür aufzutun, daß du hinausgehest und Sein Wort predigest, vielen zur Seligkeit! Bedenke doch, deine geliebten Kinder sind noch viel mehr Gottes Kinder! Er kann den edlen Samen, den du in ihre Herzen gestreut, aufgehen lassen, wo und wann Er will! Bete du nur für sie und sei getrost!«
Erschöpft schwieg der Kranke, und lange war alles still. Der letzte Lichtschimmer, der durch das Gitter fiel, erlosch, und endlich ward es ganz finster.