»Schläfst du, Geliebter?« fragte Thomas leise.
»Nein; mein Gemüt ist zu bewegt.«
»Darf ich dir noch etwas sagen, ganz, ganz leise?«
»Gewiß.«
Sanft schlang Thomas den Arm um des Freundes Hals und sprach ganz leise wenige Worte zu ihm. Dann hielten sich beide noch eine Zeitlang umfaßt, bis die Müdigkeit sie übermannte und der ruhige Schlaf sie umfing, den Gott Seinen Kindern oft auch in tiefster Seelennot schenkt. Von diesem Abend an nannte Thomas den Goldschmied: »Lieber Vater.« —
Hatten die Gefangenen im Anfang ihrer Haft ängstlich die Tage gezählt, dann die Wochen, endlich einen Monat nach dem andern, so war dies nun vorüber. Es gab für sie überhaupt keine Zeit mehr; dagegen strahlte die Ewigkeit vor ihrem geistigen Auge. Daß Sommer und Herbst vorüber waren, wußten sie, denn die grünen Halme im Fensterloch waren gelb geworden und endlich ganz verschwunden. Kein Vöglein sang mehr draußen, wohl aber hörte man das Rauschen des kalten Regens. Die Steinmauern wurden feucht, und die wollene Decke schützte die Armen nur ungenügend in den kalten Nächten.
Eines Morgens aber hatte der Regen aufgehört und, zum erstenmal seit langer Zeit, erhellten einige Sonnenstrahlen das Gefängnis. Nicht mit Schrecken, wohl aber mit tiefer Wehmut sah Thomas, wie tief die Wangen des Freundes eingefallen waren. Die Augen strahlten in überirdischem Glanz, aber wenn sie geschlossen waren, glich das Antlitz dem eines Toten. Seit einigen Tagen waren nur wenige Worte des Gebets und der Liebe zu dem Gefährten über die bleichen Lippen gekommen. Das Ende mußte ganz nahe sein! Der Kerkermeister hatte die warme Milch gebracht, und Thomas war bemüht, dem Freunde ein wenig davon einzuflößen, mit sanfter Stimme Worte des Trostes sprechend.
Horch! Da rasselte zu ganz ungewohnter Stunde der Schlüssel des Wärters; die Tür ging auf, und zwei Männer in geistlichem Gewand traten ein. Der erste war nur ein dienender Bruder, der einen gepolsterten Schemel und eine Pelzdecke trug; in dem andern aber erkannte Thomas sofort den finsteren Ketzerrichter, der damals neben dem Kaiser geritten war.
Aber Thomas erschrak nicht mehr vor seinem grimmigen Blick! Die Zeit der Furcht und des Schreckens war auch für ihn vorüber; das Irdische war überwunden, die offene Himmelstür strahlte in herrlichem Glanz! Ruhig und mit edler Freimütigkeit blickte er dem Schrecklichen ins Auge, der sich alsbald neben dem Lager auf den Polstersitz niederließ und dem Kranken mit rauher Stimme gebot, sich zu erheben.
»Ich kann es nicht«, flüsterte der Goldschmied, »es geht mit mir zu Ende!«