»Weißt auch noch, wie ich damals bei der Aepfelernte Reißaus nahm? Ich hatt' erst nicht daran gedacht; aber als ich vom hohen Baum herab in die Welt guckte, kam's auf einmal über mich! Wie der Wind hinab auf die Mauer und heruntergesprungen ins Feld, ohne daß es jemand gesehen! Dann fortgerannt durch dick und dünn, bis ich des Klosterlandes quitt war. Dann lang' in einer Höhle gelegen, und bei armen Hüttenvolk ein bißchen Brot erbettelt, bis ich wußte, daß das Nachsuchen nach dem wilden Dieter wohl nun aufgehört habe. Dann aber fort! In die weite Welt, meinst du wohl? O nein, so dumm war ich doch nicht, daß ich nicht gewußt hätte, daß ich viel zu kindisch und jung sei, mich durchzufinden. Nein! Geradeswegs in die gute Stadt Antwerpen, und dort herumgedient und gelernt bei allerlei Leuten und unter allerlei Namen, um mich nur satt essen zu können. Da bin ich so ziemlich alles gewesen, was ein so dummer Kerl, wie ich, werden konnt'. Gelernt und geholfen hab' ich beim Bauer, beim Schneider, beim Metzger und Bäcker, beim Schmied und beim Schlosser, und sogar beim Quacksalber und Apotheker. Dies letzte war dein Glück; denn ich hab' gestern dem Kerkermeister und den andern Knechten ein Pülverlein in den Abendtrunk geschüttet, daß sie gewiß bis zum hellen Morgen geschnarcht haben wie die Bären.

Na, endlich hatt' ich mich groß gegessen und wollt' was von der Welt sehen, aber nit zu Fuß, sondern zu Roß! Da ward ich, da ich doch, dir sei's gedankt, ordentlich lesen und schreiben konnte, ein Postreiter, und verdiente einen guten Groschen! Doch war der Dienst streng, und — na — es kam eine Zeit, wo ich ein wilder Kerl ward, und manches tat, was mich jetzt reut. Wenn ich dann nach wüst verlebter Nacht auf dem Lager ruhte, mußt' ich oft an die Zeit denken, als du neben mir lagst. Und einmal stand mir's klar vor Augen: Du wandertest wohl stracks gen Himmel als ein frommer Mönch, und ich, ach, ich taumelte nur so zur Hölle hinab! Was sollt' ich tun? Da ward ich ein Klosterknecht, und hoffte, wenn ich des Herrn Abts Rosse wohl hielte, werde vielleicht was abfallen für mich von der überschüssigen Heiligkeit der Geschorenen. Aber 's war nichts damit! O, ich lernte sie kennen! —

In jener Zeit hab' ich dich ein paarmal laufen sehen mit dem Bettelsack auf dem Rücken. Endlich erfuhr ich, daß du der Leutpriester im Fischerdorf seiest, von dem sie munkelten, er wäre ein Ketzer. Andere sagten, er sei ein Heiliger. Da bin ich einmal, ein einzigmal, in deinem Kirchlein gewesen; ganz hinten im Winkel hab' ich gestanden, in einen alten Mantel gewickelt. Ach Thomas, da fiel ein Licht in meine Seele, das niemand auslöschen kann! Du sprachst mehrmals die Worte aus: ›Mein Heiland, mein Erlöser!‹, und mahntest uns, sie nachzusprechen, und fest zu glauben, daß JEsus auch alle, alle unsere Sünden getilgt habe. O Thomas, da ward mein Herz weich; und heiße Tränen rannen mir in den Bart!

Und ein paar Wochen darauf! O Schrecken, da sah ich dich geknebelt, gefesselt vor mir im Kahne liegen, und hätte fast laut aufgeschrien vor Jammer! Von da an strebt' ich danach, Turmwächter auf der Insel zu werden, und endlich gelang es. Vor kurzem hatte man Gefangene aus hohem Stand in den Turm gebracht, die viel mächtige Freunde in der Stadt hatten. Darum führte man bewaffnete Nachtwachen ein, und ich kam auch dann und wann an die Reihe. Aber es gab ja so viel vorzubereiten auf die Befreiung und Flucht, daß du, armer Thomas, noch lange im Loch stecken mußtest, denn ich hatte selten einen freien Tag zum Umherlaufen. Ach, wie gern hätt' ich deinen edlen Freund auch mit gerettet, aber 's ging nicht an! Nun, endlich war mit List und Mühe alles bereit, und der brave Schiffsherr versprach, uns bei Morgengrauen aufzunehmen! Aber sieh, wie nützlich war mir jetzt, daß ich die Nase in allerlei Handwerk gesteckt hatte! O wie werden sie sich die Köpfe zerbrechen, um zu erraten, wie du herausgekommen bist!«

»Wenn nur dem Kerkermeister kein Leid geschieht«, sprach Thomas; »er hat mir viel Gutes getan!«

»Das sieht dir ähnlich, du frommes Lamm, auch noch um den Kerkermeister zu sorgen! Da sei ganz ruhig! Sie werden ein feines Märlein erdenken, wie dich der Teufel lebendig geholt, und mit dir zum engen Gitterloch hinausgefahren ist. Aber nun ist's genug geschwätzt, und du mußt ruhen! Ich will irgendwo mit angreifen, daß ich doch mein Essen verdiene.«

So sehr auch Thomas um den teuern heimgegangenen Freund trauerte, so sehnsüchtig er nach der Gegend zurückschaute, wo er im Fischerdorf so glücklich gelebt und gearbeitet, ja so freudig er auch den Märtyrertod erduldet haben würde, so erwachte doch gar bald die Lust zum Leben und die Freude an Gottes schöner Welt in seinem jungen Herzen. O wie herrlich war's, den klaren blauen Himmel über sich zu haben statt der feuchten, mit Schmutz und Spinnweben reichlich behangenen Balken des Gefängnisses! Wie frei folgte sein Blick dem weißen Seevogel, der sich in der frischen Luft wiegte! Wie munter klang der rauhe Gesang der Schiffer in sein Ohr! Und endlich quoll ein inniges, von heißen Freudentränen begleitetes Dankgebet aus seinem übervollen Herzen.

Bald konnte er sich erheben und den Tag über auf dem Verdeck umhergehen, während er des Nachts in einem engen, ja sehr engen Raume mit dem Freund auf einem Lager ruhte, wie ehemals in der Klosterschule.

Auch die Segelschiffe legen jetzt bei günstigem Winde ihren Weg viel schneller zurück, als zu jener Zeit, da ihre Bauart weit schwerfälliger war. Darum verging mancher Tag, ehe man den Hafen von Hamburg erreichte.

Am Vorabend der Ankunft stand Thomas etwas erhöht mitten unter der Schiffsmannschaft und hielt eine kurze, aus tiefstem Herzen quellende Predigt. Man hatte ihn darum gebeten, und er erfüllte gern den Wunsch. Gar andächtig lauschten alle, als er von jener Schiffahrt erzählte, die der Heiland mit Seinen Jüngern auf dem See Genezareth gemacht. »Die Wellen brausten und wollten das Schifflein verschlingen, der HErr aber schlief ruhig auf einem Kissen. Ach, so geht es oft im Christenleben! Wenn die Not am größten ist, und das arme Herz ganz verzagen möchte, da scheint der HErr zu schlafen, als gehe Ihn das arme verlassene Menschenkind nichts an. Aber die Jünger schrien: ›HErr, hilf uns; wir verderben!‹ Ja, sie wußten: Er konnte, Er wollte helfen! Und im Nu war der Sturm gestillt, und alle Not in Dank und Freude verwandelt.« Gar lebhaft und herzbewegend schilderte er das alles, denn er hatte es ja an sich selbst erfahren. Als er geendet, stimmten etliche, die der deutschen Sprache wohl mächtig waren, das herrliche Lutherlied an: