»So«, sprach er zufrieden, »das wär' getan! Jetzt gilt's, die Jammergestalt dort unter die Hand zu nehmen! Heda, Thomas«, rief er im alten Schülerton, »steh auf, du Faulpelz; 's ist hohe Zeit!«

Und nun fing der rauhe Reitersmann an, seinen Schützling zu waschen, zu kämmen und ihm das wirre, ungepflegte Lockenhaar zu verschneiden, mit der Zartheit und Geduld einer liebreichen Mutter. Es war eine lange, schwere Arbeit, da er oft davon mußte, um den Kahn in rechtem Laufe zu erhalten. Aber jetzt war's vollendet, und Thomas saß, von der Wandlung etwas erschöpft, in einen anständigen Mantel gehüllt, das Haupt mit einer warmen Mütze bedeckt, aufrecht im Kahne.

Man war eben zu rechter Zeit fertig geworden, denn zunehmende Helle kündigte den nahen Morgen an. Der Fluß war nun schon so breit, daß man die Ufer nur noch undeutlich erkannte, und als es heller ward, erhob sich in geringer Entfernung der Mastenwald des Hafens. Ein mittelgroßes Schiff lag, getrennt von den andern, vor Anker; die Flagge trug die Farben der Handelsstadt Hamburg. Dietrich steuerte darauf zu, einen lauten Ruf ausstoßend, der alsbald vom Schiff aus erwidert ward. Man ließ die Strickleiter herab, denn von den bequemen Treppen, auf denen man jetzt zum Verdeck des Schiffes emporsteigt, wußte man damals noch nichts. Hilfreiche rauhe Hände streckten sich nach dem Schwachen aus, und nach kurzer Zeit ruhte er auf einem weichen Lager, das man auf einem geschützten Teil des Verdecks bereitet hatte, wo er bald wieder in tiefen Schlaf sank.

Die plötzliche, ihm ganz unbegreifliche Rettung erschien ihm ja selbst wie ein wunderbarer Traum, und als er nach einigen Stunden etwas gestärkt erwachte, meinte er wirklich noch auf dem feuchten Stroh des Kerkers zu liegen, und rief, sehnsüchtig die Arme ausstreckend, den Namen des teuern Leidensgefährten, wie er in den letzten trübseligen Wochen so oft getan.

»Der ist droben im Himmel und hat's besser als du«, sprach eine rauhe, aber freundliche Stimme neben ihm, und er erkannte den wilden Schulkameraden, der im groben Schifferkittel neben ihm saß. Den Kopf mit beiden Händen haltend, richtete er sich mühsam auf.

»Bist du's wirklich, Dietrich?« fragte er ängstlich. »Ist's keine Täuschung, kein Fiebertraum?«

»Da, faß meine Hand«, rief der Retter. »Gelt, die fühlt sich nicht traumhaft an? 's ist alles wahr, und ich will dir erzählen, wie's gegangen ist. Schau' dich doch um! Du bist ja auf hoher See! Dort drüben liegt, kaum noch sichtbar, deine alte Heimat und der Schauplatz deiner Leiden. Dies gute Schiff aber bringt dich nach Hamburg, wo du viele Glaubensgenossen findest, die dich lieben und pflegen werden. Auch der Schiffsherr und alle seine Leute sind dem neuen Glauben zugetan, und mich armen Kerl verlangt wenigstens, ihn kennen zu lernen. Für was mein Thomas sein Leben einsetzt, das muß was Gutes sein. Aber dumm bin ich noch, jämmerlich dumm in allem, was geistlich ist; du sollst mich lehren. Denn wo du nun bleibst, du einziger Freund, den ich je auf Erden hatte, da bleib' ich auch. Los wirst du mich nimmer!«

Der schwarze Kopf senkte sich, und Thomas vernahm ein Schluchzen. Aber gleich darauf rief Dietrich befehlend:

»Hübsch liegen geblieben, daß dich nicht das garstige Seeleiden überfällt! Kannst mich noch oft um den Hals fassen, wenn du wieder auf den Beinen bist! Sieh, da schickt dir der Schiffsherr ein Essen von seinem eigenen Tische. Es wird dir guttun!«

Nachdem der Gerettete sich an der sehr einfachen, aber kräftigen Speise gelabt, erzählte Dietrich: