»O nein; dazu fehlt mir die Kraft«, seufzte Thomas.
»So binde dir's um den Leib! — Nicht so, du Dummkopf! Unter den Armen hindurch! Rasch! Nun zieh ich dich empor und durch das Loch! Dünn genug bist du wohl! Schrei nicht, wenn's kratzt!«
Ach, es kratzte sehr! Aber wer achtet das in solcher Stunde?
Endlich lag Thomas' abgemagerter Körper draußen auf dem feuchten Boden. »Lieg' still, bis ich's Gitter wieder fest mach'«, flüsterte Dietrich.
Es war eine angstvolle Zeit und dauerte lange! Die alten verrosteten Stäbe waren fast alle zerbrochen. Dietrich aber setzte andere dafür ein, die den Anschein morschen Alters trugen. Auch an den Steinen vertilgte er durch allerlei Mittel, die er aus den Taschen zog, jede Spur seiner Befreiungsarbeit. Inzwischen blickte die Mondsichel dann und wann aus den Wolken und beleuchtete endlich die Stätte hinreichend, um zu erkennen, daß alles aussah wie am Tag vorher.
Nun ging's durchs bleiche Wintergras dem Ufer zu, langsam, langsam, da der Befreite am ganzen Leibe vor Erregung und Angst bebte. Aber dort war ja das Grab des Freundes! Eine Minute lang mußte er daran knieen und die kalten Steine küssen; Dietrich wehrte es ihm nicht! Nun ging es festeren Schrittes dem Ufer zu, wo ein Kahn bereit lag. Jetzt waren sie drin; er stieß vom Lande und ward von starker Strömung den Fluß herabgetragen.
Die Klosterkirche drüben auf der Anhöhe war matt erleuchtet; es war die Zeit der nächtlichen Hora. Lachend zeigte Dietrich hinüber und flüsterte: »Wenn die's jetzt wüßten!« Aber Thomas antwortete nicht. Der ungeheuern Erregung war eine tiefe Ohnmacht gefolgt.
Dietrich erschrak nicht wenig über die eiskalte Stirn und die starren Hände des Freundes. »So stirb doch jetzt nicht, du dummer Kerl«, rief er, während heiße Tränen in den struppigen Bart rannen. »Dazu hast du ja lange Zeit gehabt da drüben! So freu' dich doch, daß du frei bist! Iß und trink!«
Aber es dauerte doch recht lange, ehe der Gerettete die Augen aufschlug, einige Schlucke Wein trank und ein wenig weißes Brot aß, das der Retter aus einem Kasten zog. Dann aber umfing bald ein fester Schlaf den Ermatteten. »Das ist gut«, brummte Dietrich; »da will ich gleich hier aus dem Klosterknecht einen Schiffsmann machen, ehe der Morgen graut. Das Schifflein kann ich wohl eine Weile der Flut überlassen.«
Und nun warf er alles ab, was er auf dem Leibe trug: Wams, Gürtel, Waffen, Hosen, Schuhe und sogar das Hemde. Alles war Klostergut und ging ihn nichts mehr an! Eins nach dem andern flog in den Fluß, wo es versank oder weggespült ward. Aus einem Sack aber kam ein grober Anzug hervor, wie ihn die Schiffsknechte trugen; in den kleidete er sich und zog eine Fischermütze über die Ohren.