»Noch lang' nicht!« rief es von oben her zurück. »Der Nachtwächter darf doch sein Liedel singen!«
Da fiel es dem Gefangenen wie Schuppen von den Augen. Ja, der schwarzäugige starke Knecht, den er im Kahn und am Grabe gesehen, war sein Schlafkamerad Dietrich, das wilde Reiterlein!
»Dietrich, alter Freund, bist du's wirklich?« rief er mit hervorbrechenden Tränen.
»Ja, ich bin's! Aber still! Ein Liedel darf ich wohl singen, wenn ich die Nachtwache habe; aber Gespräch möcht' übel geraten! Wundere dich nur über nichts, was des Nachts geschieht, und halt dich still, ganz still! Wenn Gott hilft, rett' ich dich!«
Von da an vermehrten sich die Gaben, die zum Gitter hereinflogen, so sehr, daß die geschwächten Kräfte des Gefangenen sich wirklich etwas hoben. Wohl vergingen die Tage in der tiefen Einsamkeit entsetzlich langsam. Dagegen brachte die Nacht mehrmals ein seltsames Geräusch mit sich, das dem Einsamen die Nähe des Jugendfreundes verriet und die Hoffnung auf Befreiung stärkte.
Wie sie gelingen sollte, konnte er sich nicht vorstellen; auch fehlte ihm die Kraft, darüber nachzugrübeln. Ach, er war so matt und müde, und die Sehnsucht nach dem heimgegangenen Freund war so groß, daß er ihm am liebsten in sanftem Tode nachgefolgt wäre. Dazu kam, daß er das Reiterlein als einen wilden, tollkühnen Gesellen kannte. Wie leicht konnten seine wagehalsigen Rettungsversuche mißlingen, so daß der arme Bursche selbst mit ins Verderben gestürzt würde!
Und doch erschien ihm der Feuertod mit allem, was voranging, so schmachvoll, so entsetzlich! Selbst im Traume sah er oft die Scheiterhaufen geschichtet, die hilflosen Opfer gebunden, geknebelt, verhöhnt und beschimpft, umgeben von der rohen, in Erwartung des schrecklichen Schauspiels schwelgenden Menge! Wenn er dann auffuhr, in kalten Angstschweiß gebadet, erhob er wohl flehend die Hände und rief: »O Gott, rette mein junges Leben, wenn es Dein Wille ist!«
Und, o Wunder! In einer Nacht schallte auf diesen Ruf von oben her die leise Antwort: »So komm! Es ist alles bereit!«
Als er emporschaute, erkannte er deutlich eine dunkle Gestalt vor der Fensteröffnung, aus der alle Gitterstäbe entfernt waren und ein starkes Seil herabgelassen wurde.
»Kannst du daran emporklettern?« fragte eine rauhe, gedämpfte Stimme.