»Gedenkt Ihr in Hamburg zu bleiben?« fragte er, als er ihn an diesem letzten Abend an seinem Tisch bewirtete.

»Nein«, erwiderte Thomas, »mein Sinn steht gen Magdeburg. Dort hoffe ich sicher, meine treue Schwester Grete und das holde Töchterlein des heimgegangenen Freundes zu finden. Für diese beiden zu sorgen soll mir eine Lust sein! Vielleicht kann man mich irgendwo zum Unterricht zarter Kindlein gebrauchen, da das so recht eigentlich meine größte Lust war!«

»Und wie gedenkt Ihr nach Magdeburg zu gelangen?«

»Auf einem Elbschiff«, entgegnete Thomas. »Dietrich, mein Retter, will gern für zwei arbeiten, um meine Fahrt mit zu verdienen. Ein wenig werd' ich ja auch mit angreifen können; bin nur leider zu solchen Geschäften recht ungeschickt.«

»Und meint Ihr wirklich«, erwiderte der Schiffsherr lächelnd, »die Hamburger Glaubensgenossen würden Euch, der so viel gelitten hat, ja kaum dem Märtyrertod entronnen ist, ganz still und ungeehrt Eures Weges ziehen lassen, wohl gar im groben Kittel eines Schiffsknechtes? Ihr seid ein gar bescheidener Mann; desto mehr soll man Euch ehren! Ihr müßt mit Eurem wackeren Befreier einige Tage bei uns bleiben, uns Eure Schicksale erzählen und ein wenig Pflege und Guttat von uns annehmen. O wie wohl wird's Euch tun, so frei Euren Glauben bekennen zu dürfen, die herrlichen Gottesdienste mit zu feiern, und die große Schar von Glaubensgenossen um Euch versammelt zu sehen! Für Eure Reise nach Magdeburg überlaßt mir die Sorge. Ich bin bekannt im Hafen, und werd' Euch das beste Fahrzeug und den wackersten Schiffer aussuchen.«

11. In Magdeburg.

Das Haus des Kaufherrn Burkhardt war eins der stattlichsten und schönsten in der reichen Stadt Magdeburg. Der mit allerlei feinem, sinnigem Bildwerk geschmückte Giebel war der Straße zugewendet. Ein großes Tor führte in den geräumigen Hausflur, ein anderes aus diesem in den weiten Hof, wo ganze Gebirge von Fässern, Säcken, Ballen und Kisten aufgespeichert lagen. Gar zu gern kletterten die sechs kleinen munteren Burkhardtsbuben darauf herum, versteckten sich dahinter, benutzten sie als Burgen und Festungen, und schossen mit kleinen, ungefährlichen Armbrüsten daraus hervor. Doch war das nur erlaubt, wenn der Hausherr sich auf Reisen befand, und der weißhaarige, nachsichtige Obergehilfe die Aufsicht führte. Dann durfte das kleine, unruhige Volk auch einmal zuschauen, wenn Warenproben aus fernen Ländern ausgepackt und geprüft wurden. Dabei gab's oft etwas zu naschen, ein paar Datteln oder Rosinen und Mandeln, ein Stück Zucker oder ein Zimmetstengelchen. War aber der Herr Vater daheim und saß vor dem großen Schreibtisch am Fenster des Hinterhauses, herrschte viel strengere Zucht. Da huschte die kleine, muntere Gesellschaft geräuschlos durch den Hof und verschwand durch das Hinterpförtchen, das zum Garten führte. Dort war's ja noch viel schöner als im Hofe! Jetzt freilich, im ersten Frühjahr, standen die Obstbäume noch kahl, das Gras begann hier und da zu sprossen, und einige zarte Blümchen streckten neugierig die Köpfchen hervor.

Aber heute schien die Sonne schön warm, und es war ein schulfreier Tag; darum waren alle sechs Jungen mit großem Eifer daran, ihr eigenes kleines Gartenstück umzugraben und zu besäen. Der zwölfjährige Franz, ein feiner, sinniger Knabe, wollte dies Jahr nur Blumen ziehen, um die Mutter damit zu erfreuen; Peter, Paul und Konrad stritten sich, ob Rettiche oder Erdbeeren auf ihrem Land wachsen sollten, denn etwas Eßbares mußte es jedenfalls sein. Die vierjährigen Zwillinge, Martin und Philipp, wühlten seelenvergnügt in dem kleinen Stücklein Land, das man ihnen überlassen, machten Berge und Täler und steckten Grashälmchen und Gänseblümchen ringsherum. Dazwischen verlangten sie aber immer wieder, das zarte, einzige Schwesterlein zu küssen, das von einem schlanken, schönen, aber sehr bleichen Mädchen im Sonnenschein auf und ab getragen ward.

Mit großer Geduld und Freundlichkeit hörte »Goldschmieds Annchen« auf das Geplauder der munteren Jungen, beantwortete ihre Fragen und gab ihnen guten Rat. Wenn sie aber, das Kindchen zärtlich im Arm wiegend, den langen Gang auf und nieder wandelte, schweifte der Blick ihrer ernsten, dunkeln Augen sehnsüchtig ins Weite, und dann und wann fiel eine Träne auf das weiße Kissen des zarten Kindleins. Das war den Zwillingsbrüderchen nicht entgangen. Sie suchten eifrig im jungen Grase, fanden wirklich einige halbgeöffnete Schneeglöckchen und Veilchen und reichten sie der Traurigen lächelnd hin. »Anna muß nicht mehr weinen«, baten sie. »Liebe, gute Herzensanna muß sich freuen! Es gibt ja wieder Blumen!«

Zärtlich erwiderte die Jungfrau, die sich auf eine Bank niedergelassen hatte, die Liebkosungen der Kleinen; aber ihre Tränen flossen unaufhaltsam! Ach ja! Alles ward nun mit neuem, frischem Leben erfüllt; aber wer im finsteren Kerker schmachtete, oder gar schon im verlassenen geschändeten Grabe lag, dem blühte kein Blümlein mehr!