Da kam Franz, der im Hofe gewesen war, eilig gesprungen.
»Mutter ruft dich, liebes Annchen«, sprach er. »Du möchtest Klein-Mariechen zu Muhme Grete bringen und dann das Gastgemach rüsten helfen. Es ist ein Bote vom Landungsplatz gekommen; Vater wird zwei fremde Gäste mit heimbringen.«
Ueber Annas Gesicht flog ein schnelles Aufleuchten, als sie das Kindchen in ein behagliches Stüblein trug, wo die gute Grete eifrig nähend am Fenster saß. Sie war sehr gealtert; weißes Haar sah unterm Häubchen hervor, und ihre rüstige Kraft war gebrochen durch den Kummer um den geliebten Bruder. Aber der mächtige Korb voll hilfsbedürftiger Kleidungsstücke, der neben ihrem Armstuhl stand, bewies, daß sie nicht unnütz war in dem gastfreundlichen Hause.
»Ihr möchtet das Kindlein ein wenig hüten«, sprach Annchen mit bebender Stimme. »Herr Burkhardt bringt zwei fremde Gäste mit vom Hafenplatz.«
Ihre Stimme war so erregt, und die Hände zitterten so sehr, daß Grete ihr schnell das Kindlein abnahm.
»Armes Kind!« sprach sie zärtlich. »Hoffst du immer noch? Ach, gib doch unsere Geliebten in Gottes Hand! Gewiß haben sie längst überwunden und tragen das Lichtkleid droben im Himmel.«
»Es sind zwei fremde Gäste«, wiederholte das Mädchen halb träumend und ging still hinaus. —
Der Tisch im besten Gemach war aufs sauberste gedeckt, in der Küche duftete es nach allerlei guter, kräftiger Speise, auch war das Mittagläuten längst verklungen, aber auf den Hausherrn und die Gäste wartete man immer noch vergebens. Die Knaben hatten sich sauber waschen und in die Sonntagswämschen kleiden müssen, da der Vater es gern sah, wenn sie, sittsam und bescheiden am unteren Ende des Tisches stehend, an der Mahlzeit teilnahmen.
Endlich währte ihnen das Warten zu lange. »Dürfen wir wohl bis auf den Marktplatz laufen«, fragte Franz, »und sehen, wo der Herr Vater bleibt?«
»Ja, aber du allein«, entgegnete die Mutter; »Peter und Paul sind zu wild und möchten stören.«