Der Knabe enteilte, kehrte aber bald ganz aufgeregt zurück:

»O Mutter, sie kommen! Der Herr Vater führt einen ganz bleichen, abgemagerten Mann, und mit ihnen ist ein rauher schwarzlockiger Gesell in Schifferkleidung. Sie kommen nur langsam vorwärts, da sich viele Leute um sie drängen, um dem blassen Manne die Hand zu reichen. Aber sieh, Mutter, sieh! Was ist mit Annchen?«

Frau Burkhardt sprang eben noch schnell zu, um das Mädchen in die Arme zu schließen, das ohnmächtig umsank. Man brachte es in sein sauberes Kämmerlein, legte es ins schneeweiße Himmelbett, und die treue Grete übernahm die Pflege ihres Lieblings. Die Ohnmacht ging bald vorüber, und ein beruhigender Trank verschaffte dem Mägdlein einen langen Schlaf, aus dem es erst am späten Nachmittag erwachte.

Aber Grete saß nicht mehr am Lager; Frau Burkhardt hatte ihren Platz eingenommen, und war sichtlich bewegt, als Annchens große traurige Augen ängstlich fragend zu ihr aufblickten.

»Mein teures Kind«, begann sie endlich, »gib dich geduldig in Gottes Willen! Der bleiche Mann ist nicht dein geliebter Vater; es ist Pater Thomas, Gretes Bruder! In ihrem Stübchen sitzen sie jetzt zusammen und haben einander viel zu erzählen. Gelt, du gönnst es ihnen?«

»O wie sehr, wie sehr!« rief das Mädchen. »Aber wo ist mein lieber Vater?«

»Komm, lege deinen Kopf an meine Brust! Dein teurer Vater ist da, wo kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz mehr ist; nichts als Freude und Wonne, Lob und Preis!«

»Haben ihn die Grausamen getötet?« fragte das Mädchen leise.

»Nein! Ganz sanft und friedlich ist er entschlafen, mit einem herrlichen Bekenntnis seines Glaubens auf den Lippen! Der Freund hat an seinem Grabe gekniet und darüber gebetet! Droben im Himmel trägt er die Krone der Ueberwinder; dort wirst du ihn wiedersehen, um nie, nie mehr von ihm getrennt zu werden!«

Lange lag das Haupt des Mägdleins an der Brust der Beschützerin, und die heißen Tränen flossen unaufhaltsam. Endlich aber richtete es sich auf und rief, die Hände emporhebend: