»O Gott, ich danke Dir! Sie durften ihn nicht martern, nicht zum Scheiterhaufen schleppen! Sie durften ihn nicht von dem Freunde trennen, der ihm solch ein Trost war! Und nun hat er auch lieb Mütterlein wieder, nicht wahr?«

»Gewiß! Sie sind vereint vor dem Thron des Heilandes!«

»So will ich jetzt aufstehen und den guten Pater Thomas grüßen. Er soll mir alles, alles erzählen vom lieben Vater!«

»Nicht heute abend«, mahnte Frau Burkhardt; »es möchte für dich und auch für ihn zuviel werden. Er sitzt jetzt mit Gottfried zusammen und läßt sich von eurer Flucht erzählen. Dann muß er zu Ruhe gehen, denn er ist sehr ermattet. Versuche ein wenig zu essen und dann schlafe wieder, mein armes Kind.«

Das Mädchen gehorchte. Aber am nächsten Tage, als die Knaben wohl aufgehoben waren bei dem strengen Magister, der sie täglich einige Stunden lehrte, saß es mit dem Leutpriester im stillen Erker und lauschte gespannt seinen Worten. Sie war sehr gewachsen in diesem Jahre, so daß Thomas sie mit tiefer Verneigung grüßte. »Ach, lieber Herr Leutpriester«, hatte sie ganz erschrocken gesagt, »ich bin ja das Annchen! Kennt Ihr mich denn nimmer?« Ach, er kannte sie nur zu gut! Er glaubte nie etwas Lieblicheres gesehen zu haben, als dies edle und doch so kindliche Antlitz, diese herrlichen, ernsten Augen, diese feine, schlanke Gestalt. Aber jetzt erzählte er ihr vom Vater, und durchlebte dabei selbst die Leidenszeit noch einmal. Er sprach auch von dem himmlischen Trost, der ihnen so reichlich zugeflossen; er schilderte die innige Freundschaft, die ihn mit dem teuern Gefährten verbunden und alles Leid versüßt hatte. Wie nahe er nach dem Tode des Freundes der Verzweiflung gewesen und nur durch Gottes Gnade davor bewahrt worden sei, verschwieg er ihr nicht. Nur die eine leise, zögernde Frage, die er einst an den Leidensgefährten gerichtet, blieb sein Geheimnis. Es war noch nicht Zeit, die Antwort zu verraten, denn das treue, liebreiche Kindesherz meinte, das Leben werde nur noch ein Warten sein auf Wiedervereinigung mit den seligen Eltern.

»Werde ich die Geliebten auch erkennen?« fragte es, als Thomas seinen Bericht geendet. »Werde ich sie herausfinden aus der Menge der Seligen, die in weißen Kleidern den Thron des Lammes umgeben?«

»Gewiß, liebe Jungfer Anna! Erkannten doch die Jünger den Moses und Elias, deren verklärte Gestalten auf dem Berg Tabor erschienen! Hoffte doch David, zu seinem Söhnlein zu fahren, da es nicht wieder zu ihm kommen konnte!«

Anna schwieg eine Weile in tiefem Sinnen, dann begann sie zögernd:

»Zürnt mir nicht, lieber Pater Thomas, wenn ich noch mehr frage. Seht, der Vater war bereit, sein Leben zu opfern um des Glaubens willen. Wird er nicht droben unter der Schar der Märtyrer leuchten, so daß ich armes Kind gar nicht zu ihm gelangen kann?«

»Liebe Jungfer Anna«, erwiderte Thomas, »Ihr stellt Euch dies alles zu menschlich, zu irdisch vor! Bedenket doch, alle Seligen werden den Heiland schauen, alle werden vor Gottes Angesicht stehen! Wie sollten sie einander nicht kennen? Raum und Zeit werden ja nicht mehr sein; kein Harren, kein Sehnen, kein Warten! Was kein Auge gesehen, was kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die Ihn lieben!«