»Das ist wohl herrlich«, erwiderte das Mädchen; »aber wenn ich nun in den Himmel komme, werde ich doch gleich Gott bitten, mich zu Vater und Mutter zu weisen. Gelt, das ist nicht unrecht?«

Auf diese kindliche Rede erwiderte Thomas nur durch leises Kopfschütteln, blickte noch lange nach der Tür, durch die das Mädchen verschwand, und seufzte tief.

Gottfried hatte ihn gestern begrüßt. Er wohnte im Hause des besten Goldschmieds der Stadt, in dessen Werkstatt er lohnende Arbeit gefunden. Ein bildhübscher Bursche war er immer gewesen, jetzt aber hatte er in männlicher Schönheit vor der abgemagerten Gestalt des armen Leutpriesters gestanden. Von klein auf war er Annchens Gespiele und ritterlicher Beschützer gewesen, und was hatte er im letzten Jahre für sie getan! Die alternde Mutter verlassen, auf sein Erbe verzichtet, alle Gefahren und Beschwerden der Flucht ertragen. Ja, er hatte ein treues Herz! Unaufhaltsam waren seine Tränen geflossen, als er gestern vom Tode seines geliebten Meisters hörte. Sollte er nicht den ersten Platz in Annchens Herzen einnehmen? Nun, es mußte sich ja bald entscheiden. Er wollte ganz still sein, und gern einsam durchs Leben gehen, wenn das Kind nur glücklich ward!

Aber was war denn aus Dietrich, dem wackeren Retter, geworden? Ei, der saß im Hofe unter den Knechten und Gehilfen und ließ sich ein gutes Frühstück von Brot, Käse und Bier gar trefflich schmecken. Am ersten Tage hatte man ihn genötigt, sich mit an die Herrentafel zu setzen, und ihm viel Ehre erwiesen. »Einmal macht man das wohl durch«, hatte er dann zu Thomas gesagt, »aber zum zweitenmal nicht.« Ich bin von grobem Holz und paß nicht zu Silber und Kristall. Daß ich dir aus dem Loch geholfen hab', ist mir eine Lust gewesen; aber nun ist's abgetan! Solang du bei Herrn Burkhardt bleibst, dien' ich ihm gern; wenn du fortgehst, geh ich mit. Wirst mich schon brauchen können.«

So griff er überall mit an, und trug Lasten, die sonst für zwei zu schwer waren, spielend auf dem breiten Rücken. Bald hingen alle sechs Jungen an ihm wie die Kletten, waren seines Lobes voll, ritten auf seinen Schultern und lauschten atemlos dem Bericht seiner unzähligen lustigen Abenteuer. Die Liedlein, die sie ihm ablernten, gefielen der Mutter freilich nicht immer und erschallten nur im Kinderwinkel des Gartens.

Bei der schnellen Ausbreitung der Reformation fehlte es oft, besonders auf dem Lande, an Predigern und Lehrern, die fähig waren, das arme, geistig so ganz vernachlässigte Volk zu unterrichten. Sehr viel war darin schon geschehen, so daß Luther rühmen konnte, die kleinen Knäblein und Mägdlein in den Schulen wüßten jetzt mehr von Gottes Wort zu reden, als früher alle Stifte und Klöster zusammen. Dennoch trafen immer neue Bitten um Prediger und Lehrer ein, und, ach, wie gern wäre Thomas recht bald einem solchen Rufe gefolgt! Da aber sein von Natur zarter Körper durch die Leiden des letzten Jahres erschöpft war, ließen es die Freunde noch nicht zu. Desto fleißiger besuchte er die Prediger der guten Stadt, unterredete sich mit ihnen, und brachte so viel große, dicke Bücher in sein Stübchen geschleppt, daß die Buben meinten, es müsse sich eine prächtige Festung daraus bauen lassen.

Wenn er dann zur Erholung im Garten auf und nieder wandelte, wo jetzt alles gar herrlich grünte und blühte, gesellte sich Annchen oft ganz harmlos zu ihm und wollte immer wieder vom lieben Vater erzählen hören. Ihre Trauer aber war milder geworden; der himmlische Trost haftete mehr und mehr in ihrem frommen Herzen, und auch die reiche Liebe, mit der sie umgeben war, beglückte sie. War doch im ganzen Hause niemand, der nicht versucht hätte, sie zu erfreuen und ihr jeden Wunsch zu erfüllen.

Wohl hatte sie schon bisher gar andächtig die schlichten evangelischen Predigten gehört, und fleißig an der Katechismuslehre teilgenommen, die mit jung und alt gehalten wurde. Aber gar oft war es ihr schwer geworden, ihre Gedanken recht zu sammeln. Gar so gern schweiften sie zurück in die glückliche Vergangenheit, oder flogen sehnsüchtig und ängstlich in die Ferne. »Wo mochte der liebe Vater wohl sein? Schon droben im Himmel oder noch im finsteren Gefängnis? Ach, er hatte ja gar nichts Böses getan, ringsum nur Liebe und Wohltat erwiesen! Sie mußten ihn ja bald freilassen!« So hatte ihr Herz zwischen Furcht und Hoffnung geschwankt; jetzt aber war das alles vorbei. Nun war ihr sehnlichster Wunsch, dort recht heimisch zu werden, wo der so sehr Geliebte jetzt wohnte. Wenn sie sich zum Kirchgang bereitete, klopfte ihr Herz freudig; es war ihr, als besuche sie den Vater. Wenn sie einstimmte in die herrlichen Lieder, die Luther und seine Gefährten der jungen Kirche geschenkt, da meinte sie oft, des Vaters Stimme im Chor zu hören. War es doch der Seligen schönstes Vorrecht, am Thron des HErrn Loblieder zu singen! Wenn ihr Blick auf die prächtigen Glasmalereien der Fenster fiel, ward sie erinnert an den von wunderbar leuchtenden Edelsteinen bedeckten Grund des himmlischen Jerusalems! Auch der Predigt lauschte sie jetzt viel gesammelter als früher. Galt es doch, den Weg des Glaubens, der zum ewigen Leben führt, immer besser zu lernen, immer gehorsamer zu wandeln! Am meisten gingen ihr des Leutpriesters Worte zu Herzen. Man ließ ihn oft predigen, und er tat es gern, denn seine erwachende Kraft sehnte sich nach Tätigkeit. Den herrlichen, prächtigen Dom zu füllen, reichte seine Stimme freilich nicht aus, aber in einer der zahlreichen kleineren Kirchen der Stadt bestieg er gern die Kanzel oder den Lehrstuhl, und hatte andächtig lauschende Zuhörer.

So zog leise, leise Trost und Frieden und endlich auch ein wenig Freude am Leben in Annchens junges Herz ein.

Aber war's nicht seltsam, daß Thomas sich mehr und mehr von ihr zurückzog, je heiterer sie ward? Selbst die Knaben merkten es.