Als Ruth zwölf Jahre alt war, sagte sie lächelnd zu ihren Freundinnen: – Natürlich sind wir Juden, aber schon lang getauft, doch das macht nichts aus.

Als sie vierzehn Jahre alt war, erklärte sie: – Unsere Möbel sind häßlich. – Ich lüge oft, nicht gern aber doch oft. – Wenn ich ganz arm wäre, würde ich sicher einbrechen.

Da wußte man in der Familie: das Kind ist dumm. Man muß sie zum Schweigen bringen, sonst macht es nichts.

Und Ruth glaubte, daß sie dumm sei. Nur kränkte es sie gar nicht. Sie konnte einfach nie auf die Idee kommen, anders sein zu wollen, als sie war. Höchstens, daß sie sich wünschte, strähnenglatte blonde Haare zu haben und eine griechische Nase.

Hier aber war die erste große Spaltung zwischen ihr und Mutter. Denn Mutter fühlte zu genau, wie sehr Ruth ihr Kind war, um diese Aufrichtigkeit zu gestatten. Sie empfand es als eine Verletzung.

Ruth sagte einmal auf jemanden: Den liebe ich, den möchte ich auf der Stelle heiraten. Ich glaube wirklich, ich könnte mich wahnsinnig in ihn verlieben. – Aber schämst du dich nicht, rief die Mutter.

Mutter schämte sich immer. Weil sie einen so unmäßigen Stolz in sich trug. Was dieser Stolz wollte, wußte sie eigentlich selbst nicht, er hatte etwas sinn- und zweckloses. Er erinnerte an die hohen Zimmer, die man in den Achtzigerjahren baute, deren Größe etwas Leeres und Zugiges an sich hat. Und die nie auszufüllen sind, weil die Kostbarkeiten, nach denen sie verlangen, gar nicht aufgetrieben werden können.

Das, was Mutter wollte, existierte nicht. Und deshalb war sie arm geblieben in der Fülle ihrer zügellos reichen Empfindungen.

Wenn Ruth in der Nacht sich im Bett aufrichtete und sie war plötzlich ganz wer anderer als am Tage, so daß sie ihre eigenen Bewegungen mit süßem Mitleid und verborgener Zärtlichkeit beobachtete, dann war es genau so, wie wenn sie Mutter beim Schreibtisch sitzen sah, mit einer Unzahl Rechnungen, bei denen sie sich fortwährend irrte und die sie doch so genau nahm. Oder wie wenn sie einem nackten Säugling zuschaute, wie er sinnlos mit den winzigen Füßen in die Luft strampelt.

Mutters Reserve der Menschheit gegenüber war nur etwas rein gedankliches, äußerlich war sie allen vollkommen ausgeliefert. Ihre Haare steckten immer schief. Der Mund war zu voll. Die Unterlippe hing herunter. Das war aber nicht notwendig. Es war nur, weil Mutter eben so gar nicht verstand, in den Spiegel zu schauen.