Ihre dunkelsehnigen Arme hätten Erdarbeit leisten sollen. Ihr kräftiger Körper brauchte Bergluft. So daß er fast hinfällig scheinen konnte in den Zimmern der Großstadt.
Mutter hatte sich nicht erziehen können und deshalb ihre eigenen Kinder nicht, weil die ihr zu ähnlich waren. Aber sie hatte einen jüngeren Bruder, der weich und bildsamer war als Lehm. Er war Musiker, er war Dichter, er war Maler. Und endigte als Zeichenlehrer in einer Mittelschule. Sie hatte ihm zu viel geholfen.
Ihre eigenen Talente hatte Mutter verschleudert. In ihrer Jugend war sie die wildeste Tänzerin der Stadt. Und trug doch immer abgetretene Schuhe.
Onkel Gustav wuchsen die Haare zu lang in den Nacken. Nur ein ganz klein wenig, so daß man es bei anderen Menschen gar nicht bemerkt hätte. Aber bei ihm schien es viel zu viel zu sein. Er wurde in der Familie verlacht und als Narr behandelt. Und lächelte dann demütig. Ruth ging an ihm vorbei. Sie konnte Bettler nicht leiden.
Mutters Kommode war das interessanteste Stück im ganzen Haus. Zweimal im Jahr wurde sie „groß“ aufgeräumt. Kein Mensch durfte ins Zimmer kommen, nur Gustav und Ruth waren zur Hilfe kommandiert. Weil Gustav so schön die einzelnen Päckchen einwickeln und mit Spagat zusammenbinden konnte. Und weil Ruth es lieber tat, als ins Theater gehen. Der dumpfe Lawendelgeruch erweckte in ihr eine müde Erinnerung an Geheimnisse, die sie einmal gekannt hatte, aber nun nie und nimmermehr erfahren durfte.
An einem langweiligen Sonntagnachmittag mit Regentropfen rief die Mutter Gustav und Ruth zum großen Aufräumen. Ruth kam widerwillig, sie hatte sich stumpf geschlafen und eine fade Sattheit klebte in ihren Haaren, die heute gar nicht unternehmungslustig um die Stirne herumstanden, sondern schläfrig nach hinten lagen. Als Mutter die großen Schubladen aufzog, mit ihren zu hastigen, etwas blinden Bewegungen, bekam Ruth einen dumpfen Druck in den Kopf von starkem Lawendelgeruch und wie im Zorn sagte sie: – Alt. Gustav sah verwundert auf. Er hatte die Hemdärmeln aufgestreift und seine kleine, gedrungene Gestalt, die gerne dick sein wollte, aber nie dazu kam, weil er ja immer hungerte, war auf dem Sprung, Mutters Wünsche zu erfüllen. Er knüpfte alle die braunen, grauen, gelben, weißen Päckchen auf und schichtete ihren Inhalt sorgfältig auf dem Boden hin. Ruth rührte sich nicht und sagte plötzlich zu Mutter: – Ich möchte Seidenpapier kaufen, weißes und einfärbige Bänder. Nicht so in irgend ein Papier und Spagat. – Was fällt dir ein, das wäre viel zu teuer. –
Ruth verstand das nicht. Sie legte sich auf einen Teppich und wühlte wie sonst in alten Photographien hochschöpfiger Damen und befrackter Herren mit Zylindern. In Wickelkindbildern, wo alle immer in der gleichen Weise auf dem Bauche liegen. Es langweilte sie.
Gustav pfiff. Er pfiff wunderschön.
Ruth durchstöberte Briefe, die wie gestochen aussahen auf vergilbtem Papier. Sie suchte etwas. Sie suchte etwas, um aus der gräßlichen Leere des Sonntagnachmittags herauszukommen. Und weil es doch ganz und gar unmöglich war, daß die geliebte, geheimnisvolle Kommode nichts anderes barg als dieses öde Zeug. Nein, bestimmt nicht. Nicht einmal die Schäferinnenspieluhr kam ihr sehenswert vor oder das Stammbuch der Urgroßmutter.
Mutter zeigte ihnen einen Liebesbrief, den sie bekommen hatte, als sie sechzehn Jahre alt war. Es war der Brief eines überspannten Gymnasiasten und schloß mit Selbstmordgedanken. Mutter war sehr stolz darauf. Aber Ruth fand ihn so überflüssig aufzuheben, wie Großvaters Brautbriefe an Großmutter. Sie wurde zornig. Und sie bekam Angst.