Sie ließ von dem müden Druck der Spätsommernächte den Kopf in ihr kleines Kissen pressen. Und sie bohrte das Gesicht hinein, um nicht denken zu müssen. Sie sehnte sich maßlos nach einer Bonne, die sie als dreijähriges Kind gepflegt hatte und täglich vor dem Einschlafen an ihrem Bett gesessen war. Wenn die wieder hier sein könnte, wäre alles besser. Sie wußte nicht mehr, wie das Mädchen ausgesehen hatte, aber sie erinnerte sich an eine kühle, behutsame Hand und weiße Mullgardinen vor dem Fenster.

Wenn sie aber Mutters Stimme aus dem Nebenzimmer hörte, sagte sie halblaut in das heißgehauchte Kissen hinein: er ist ein Schuft – ich liebe ihn – er hat Vater bestohlen – ich liebe ihn – er hat uns gemordet – ich liebe ihn – er hat unsere Zimmer trüb und drückend gemacht und unser Leben mißtrauisch und eng – ich liebe ihn – er sucht das Böse, weil das Licht ihn verlassen hat – ich liebe ihn – ich habe ihn immer geliebt – ich liebe –

So das Sprachrohr. Und unter dem Bett lag, staubdick geschichtet, wehrlose Wut.

Onkel Gustav

Onkel Gustav war klein. Er war nur ein ganz wenig kleiner als die andern und doch glaubte er, an ihnen hinaufsehen zu müssen. Er spielte Geige. Um ein klein wenig schlechter, als man spielen muß, um ein helles Leben zu haben. Er malte. Und es hätte nur eines Funkens Kraft, eines Fußtritts Persönlichkeit bedurft und er wäre ein großer Künstler geworden. So war er klein, sogar sehr klein.

Ein Sprung und er hätte den Gipfel erreicht. Zu diesem Sprung kam er nie. Und so blieb er hoch oben hängen, über dem Abgrund. Und die von unten lachten ihn aus.

Als Onkel Gustav drei Jahre alt war, waren es seine Zartheit, seine rührend fragende Stimme, seine samtenen, etwas zu großen Augen, die seine träge Mutter das erstemal in ihrem Leben lebendig machten.

Sein Vater behandelte ihn wie einen überempfindlichen Rassehund. Die Mutter liebte seine glänzenden Locken. Und die große Schwester stürzte sich auf ihn in zügelloser Leidenschaft. Die vielleicht nicht ganz ihm galt, sondern auch der Freude zu herrschen, herrschen zu dürfen über einen andern, während ihre fordernden Finger sich krümmten unter der Zuchtrute des väterlichen Hauses.

Onkel Gustavs zarte, etwas bräunliche Haut hatte einen leicht verwelkten Geruch an sich. Der angenehm war, wie der Duft ermüdeter Rosen. Und lähmte.

Vor dem Hause seiner Kindheit war ein tropisch üppiger Garten gewesen. Und alles wurde verspielt.