Gustav wußte nie, was wirklich um ihn vorging. Das teilte er mit der Schwester. Sein Zuhause war ein Königschloß, Vater der König, Mutter die Königin, ganz wie im Kindermärchen. Und die große Schwester erklärte ihm die Welt. Die richtig gezeichnet war, nur mit zu langen Strichen. So daß überall spitze Ecken waren und Anhängsel. Doch das konnte er nicht wissen.
Er hatte eine runde Kopfform. Eine runde, etwas kindische Nase, runde Augen. Er geigte in weichen, abgerundeten Tönen, die nicht zu Ende kommen wollten. Mischte auf seinen Bildern mollige, runde Wolken ineinander und seine griechischen Vokabeln bissen eine in die andere, immer im Kreis.
Im Gymnasium war er durchgefallen. Vater verachtete ihn. Mutter weinte. Die Schwester erklärte, er sei ein Künstler und die Prüfer gehören gehenkt.
Die Dienstboten verspotteten ihn. Seine Kameraden gingen mit ihm um wie mit einem verwachsenen Kind. Aber er hatte einen Freund, der groß und stark war, etwas zu klug und ganz gemein blond. Der studierte ihn genau. Bis er mit derselben nachlässigen Gebärde die Schulbücher über den Tisch warf, die Haare, genau wie er, etwas zu lang in den Nacken trug und eine ebenso tolle Zusammensetzung französischer Gassenhauer pfeifen konnte. Dann verließ er ihn. Er galt für sehr interessant. Und kam bei allen Prüfungen durch.
Alte Damen hatten ein unverschämtes Bedürfnis, sich Gustavs anzunehmen. Der Kondukteur der Straßenbahn behandelte ihn mitleidig lächelnd, weil er ihm zu viel Trinkgeld gab.
Aber alle Hunde hatten ihn gern. Weil er nicht besser sein wollte als sie. Er liebkoste sie wie eine fremde, seltsame Sache, der man nicht zu nahe gehen dürfe, er respektierte sie. Als er sehr klein war, sagte er den großen Jagdhunden seines Vaters „Sie“. Später sprach er nicht mehr mit den Hunden. Er wußte, daß sie ihn nicht verstanden. Aber er lebte mit ihnen und sie durften ihr eigenes Leben führen. Was ihm versagt war. Das wußte er nicht. Sie saßen neben ihm beim Schreibtisch, wenn er schrieb, neben ihm, wenn er aß, sie lagen neben seinem Bett. Sie hatten alle keine Namen. Aber seine Schwester gab ihnen englische Sportsnamen. Er konnte nichts dagegen machen.
Junge Frauen liebten ihn plötzlich und stürmisch. Ja, sie verehrten ihn sogar. Er sah in jeder eine Mutter Gottes. Und sie waren sein Stolz.
Er hatte eine Schreibtischlade voll Liebesbriefen. Davon wußte die Schwester nichts. Er hob das nicht auf aus Eitelkeit. Aber wenn er hungrig war und erfroren, nahm er sie vor und wurde warm und glücklich. Er lebte von dem Glauben der Frauen an ihn, der immer gar zu rasch verflogen war. Das wußte er nicht. Als er achtzehn Jahre war, verliebte sich eine blonde, junge Wilde in ihn. Sein Vater wollte ihn gerade durch die Schule zwingen. Sie kam ins Haus und erklärte wutsprühend, er brauche keine Prüfungen, er käme in die Fabrik ihres Vaters, er sei geboren, Massen zu lenken, so wie er unlängst mit dem Werkführer gesprochen ...
Es gab Augenblicke in Gustavs Dasein, die wie rote Raketen emporstiegen, leuchtend, hoch. Und dieses falsche Feuer durfte sein Leben erwärmen. Denn er hatte ein gläubiges Herz.
So ein Augenblick war es, als sie, die blonde, junge Wilde vor seinem Vater stand. Sie war überflutet von einer weißgelben Märzsonne. Und draußen schmolz der Schnee. Sie schlug mit ihrer etwas zu großen Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten und die dunklen Eichenmöbel ganz verwundert schienen. Vater war auch ganz verwundert. Und er selbst war so glücklich, daß er vergaß, um was es sich handelte.