Dann war er drei Wochen verlobt. Länger ließ es die Schwester nicht zu. Denn sie wußte ja, daß er ein großer Künstler werden würde. Und da glaubte er es auch. Die blonde, junge Wilde heiratete später einen Ofenröhrenfabrikanten.
Gustav konnte nicht über die Straße gehen, ohne daß sich ein blondes Mädel an seine Rocktaschen hing. Und er liebte sie alle. Nur wußte er nicht, sollte er sich so benehmen, wie seine Freunde es taten oder sich der strengen Moral der Schwester fügen. Während er sich das überlegte, verschwand das blonde Mädel.
Eine grobknochige Malerin hatte ihn in einer Ausstellung untergebracht, sechs Wochen lag er in ihrem Atelier herum, als ihr erklärter Liebling. Ihre Freundinnen stutzten seine zu langen Locken. Und ihre wilden Umarmungen standen wie riesige Raketen auf seinem Lebenshimmel. Dann holte ihn die Schwester. Die Malerin reiste nach Paris.
Sein Zimmer wurde immer enger. Vater und Mutter waren tot. Das viele Geld fort. Er wußte nie genau, wie es gekommen war. Er bastelte eine eigene Liegestatt für seinen großen Terrier. Schrieb eine rechtsphilosophische Abhandlung, lernte indisch. Des Abends ging er zu seiner Schwester. Sie setzte ihm auseinander, er sei ein verfolgter Märtyrer seiner Kunst. Sie schmiedete die schwierigsten Intriguen gegen seine Feinde, schickte ihn zu großen Herren betteln. Schrieb Gesuche für ihn. Er empfand ihre Geschäftigkeit angenehm um sich herumspülen, wie lauwarmes Wasser. Und steckte die Finger hinein und spielte drinnen mit den Zehen. Trank Limonade und hielt die Kinder auf seinem Schoß. Nach jedem neuen Schicksalsentwurf, den sie machte, ging er lächelnd nachhause. Seine dunkle, schmutzige Straße beleuchteten grellrote, kalte Lichtfetzen. Und in seinem Zimmer waren Wanzen.
– Du mußt nicht so ungeduldig sein, sagte er zu der Schwester, wenn sie klagte und in verzweifelt großen Schritten durch das Zimmer jagte, – nein, schau, eigentlich sind wir – er sagte immer wir – stark im Hinaufsteigen begriffen. Die Exzellenz hat mir versprochen, ich bekomme die Violinstunden bei dem jungen Prinzen. Also, bin ich dort, dann ist alles fertig. Ich spiele im Salon vor. Lauter Fürsten und solche Leute. Man arrangiert ein Wohltätigkeitskonzert. Ich bin dabei. Dann kann überhaupt niemand anderer für die Dirigentenstelle in Betracht kommen. Setze ich dann erst meine Kompositionen durch – du wirst schon sehen. Überdies habe ich die größten Aussichten, daß meine Feuilletons gedruckt werden. Ich habe zwar erst eines, aber die andern sind fertig im Kopf. Wart’ nur, nächstens bring ich dir die Zeitung.
Eines Abends kam er bleich vor Erregung: – Ich bin an einem technischen Unternehmen beteiligt. Eine Riesensache. Ich darf es nicht näher sagen. Ich glaube, ich habe auch schon eine Erfindung gemacht. Aeroplan.
Drei Monate später hatte er sein letztes Geld verloren. Ein Zufall verschaffte ihm eine Stelle als Zeichenlehrer in einer Provinzstadt. Die Schwester war böse. Warum hatte er ihren Rat nicht befolgt, nicht das Gymnasium gemacht?
Gustav kam in eine Welt, die aus Fabrikschloten bestand und holprigen Gassen. Grauem Nebel, einem grauen Haus, feucht riechenden Kleidern, kaltem Rauch. Er mußte täglich eine halbe Stunde in der Früh in die Schule gehen. Mit zerrissenen Sohlen und fadem Kaffeegeschmack. Er ging durch eine gerade, lange Straße voll Schwerfuhrwerken mit fluchenden Kutschern, schrillen Schulkinderschreien, Papierfetzen. Er fürchtete sich vor seinen Vorgesetzten, wie als Kind vor den Lehrern. Er konnte die Vorschriften so wenig erlernen, wie als Kind die Aufgaben. Er fürchtete sich vor seinen Schülern, die ihn verachteten, weil er mit ihnen höflich war.
In der Stadt hieß es allgemein, er schreibe ein Drama. Ein ganz modernes, verrücktes. Er bekam vier Liebesbriefe von höheren Töchtern. Die er sorgfältig aufhob in der bewußten Lade.
Die Tochter seiner Hausfrau liebte ihn. Sie war stark geschnürt und hatte Blumen auf dem Hut, die aussahen wie von Papier. Und sie brachte ihm täglich das Frühstück. Auch bat sie ihn, ihr Zeichnungen zu machen, nach Photographien gewesener Liebhaber. Was er geschickt und sorgfältig ausführte. Aber sie war nie ganz zufrieden. Er merkte es nicht. Aus der Bluse heraus guckte färbige Unterwäsche.