Eines Abends war er bei seinem Direktor eingeladen. Das Zimmer war zum Ersticken rauchig. Die Frau des Direktors hatte eine hart abgerundete Stimme. Sie sprach sehr laut. Und am meisten mit einem breitschultrigen Mathematikprofessor. Von Gustavs Anwesenheit schien sie überhaupt nichts zu bemerken. Gustav dachte: unangenehm, daß sie so eine weiße Haut hat. Wie ein frisch enthülltes Denkmal. Oder Stiegen, die einen schwindeln machen. Auch schaut sie nach allen Seiten auf einmal, als ob sie vierfach schielte. Wie sie wohl aussieht wenn sie schläft ... Und dann sehnte er sich nach seinem Terrier und dachte nach, ob der Ofen in seinem Zimmer schon ausgegangen sein wird, bis er nach Hause kommt. Als er fort ging und schlaftrunken über die dunklen Stiegen taumelte, rief ihm die Direktorsfrau nach: – Hallo, Sie, Herr Zeichenlehrer, oder wie Sie heißen, vergessen Sie Ihren Hut nicht, da, gute Nacht! – Er fühlte einen heftigen Schlag auf das Hinterhaupt und am nächsten Morgen eilte er sich, in die Schule zu kommen, vielleicht steht die Frau des Direktors beim Fenster, vielleicht geht sie gerade Einkäufe machen ... vielleicht ...
Er erzählte den Jungen von der griechischen Kunst, daß selbst die Dümmsten und Klotzigsten Augen und Ohren aufrissen. Er sprang über das Reck im Turnsaal und kaufte seinem Hund eine Extrafleischportion. Er merkte nicht, daß der Nebel ihm ins Zimmer kroch und der Ofen rauchte.
Zu Weihnachten bat ihn der Direktor, seine Frau zu zeichnen. Er saß in einem warmen Zimmer, mit glatten, dunklen Möbeln und loderndem Kamin. Brand, raketenroter Brand. Vor dem Fenster der geradwegige Schulgarten, abgerundet im Schnee. Sie saß vor ihm mit einer Handarbeit, weiß und überreif, wie eine süße, tropische, wie eine ungekannte, ungeahnte Frucht. Das Zimmer roch nach Mandelblüten. Und ihr Haar war schwarz und zu glatt nach hinten gelegt.
– Sehen Sie, sagte er, hier kann man zeichnen. Das ist doch was anderes als zuhause, immer kalt, und wenn ich meinen Hund nicht hätte, – es kam ihm vor, als ob er etwas Unpassendes gesagt hätte, er wurde dunkelrot und machte einen Strich quer durch die ersten Umrisse ihres großzügigen Gesichtes. Sie sah ihn an, beobachtend, wie ein neues Möbelstück, ob es brauchbar wäre. Und er dachte: nein, die hält mich nicht für groß, nein, die hebt mich nicht in den Himmel, sie traut mir gar nichts zu, rein gar nichts. Und sie hat recht. Einen Augenblick dachte er in glühendem Haß an seine Schwester. Und dann: Es ist alles eins. Aber ich zeichne sie jetzt nur einmal und dann nie mehr. Ich zeichne sie, wie sie ist, o so ganz, wie sie ist.
Und aus dem grauweißen Papier heraus wuchsen, Zug um Zug, unterdrückte Entbehrung und uneingestandene Wünsche. Der bleiche Widerschein ihres Körpers und Mandelduft. Das Gefängnisgitter ihres Kinderbettes und der Brief, mit dem sie die Werbung ihres Mannes beantwortet hatte. Gustav wußte alles und er, der nur sein eigenes unechtes Bild gekannt hatte und die blonden Madonnen mit den Liebesbriefen, er sah ein Leben vor sich und wieder aufwachen und bluten unter seinen Händen.
– Bring dem Herrn Professor eine Schale Tee, sagte sie zu ihrem kleinen Sohn, der etwas hervorstehende Augen hatte, wie sein Vater. Ihre Stimme war wie Schläge gegen das Hinterhaupt. Da war die Zeichnung fertig.
Sie wurde rot, als sie sie sah. Und sagte nur Danke. Gustav ging.
Er traf sie das nächstemal Anfang Mai in der Dämmerung auf dem Friedhof. Er ging gerne auf dem Friedhof spazieren mit seinem Hund. Er liebte Zypressen und fühlte sich so seltsam unbehelligt.
Die Blätter dufteten nach dem Sich-schon-geöffnet-haben. Die Erde auf den offenen Gräbern war tiefschwarz. Sie kam ihm entgegen, schimmernd und licht, wie ein ganz weites und reiches Ährenfeld in der Julisonne. Ein Schlag auf den Hinterkopf. Er küßte ihre Hand, langsam und vorsichtig. Sie sah auf dem Weg vor sich dicke, runde Kieselsteine. Die hervorstehenden Augen ihres Mannes. Aber ringsum die Blätter waren grün und zart und jung und die Erde schwarz. Sie nahm seinen weichen, knabenhaft lockigen Kopf und küßte ihn. Große leuchtende Rakete. Und jeder ging seines Weges.
Am andern Tag warf ihn seine Hausfrau hinaus. Er hatte nicht beachtet, daß ihre Tochter ihm durch nunmehr schon zwei Wochen das Frühstück nicht brachte. Er war ein unanständiger Mensch. Und der Hund machte alles schmutzig. Auch wollte ein anderer einziehen.