In der Schule hatte er staatsfeindliche Reden geführt. Sein verrücktes Drama kam ewig nicht zum Vorschein. Er ging herum wie in berauschtem Schlaf, in einer andern Welt. Was ihm diese Welt nicht verzeihen konnte. Er war gar nicht so dumm, wie er aussah, zum mindesten machte er keine genügenden Dummheiten. Er zog ohne Recht die Aufmerksamkeit auf sich. Das war unverschämt. Er beantwortete einen Backfischbrief höflich und herzlich. Die Eltern fingen ihn auf. Die Empörung stieg. Er wurde hinausgeworfen.

Als er seine kleine Stube räumte mit dem zu kleinen Eisenofen, der immer rauchte, weinte er. Er weinte, wie ein kleines Kind, hilflos und lange mit großen Tränen, bis sein Gesicht verschwollen war und sein Denken verdumpft. Und er schaute aus dem papierverklebten Fensterchen über gleichgültige Dächer und Schornsteine in den grauen Nebel. Der das erste war, was er in seinem Leben frei und allein gesehen hatte. Denn hier war die Schwester nicht dabei gewesen. Und der fade Ruß deckte nur eine weiße üppige Blässe, ein unendliches Ährenfeld weit, weit dahinter im Winde.

Er konnte nicht atmen in den letzten Tagen. In seiner Kehle saß das Hierbleibenwollen. Er verteidigte sich gegen niemanden, er sprach mit niemandem, er haßte niemanden, er sorgte nur für das Essen seines Hundes. Er liebte jedes Schild den weiten Schulweg entlang. Die Buchstaben standen schwarz und steif auf dem nicht mehr weißen Hintergrund.

Es war unmöglich abzureisen. Es war unmöglich zu bleiben.

Und er sah sie nicht mehr.

Da traf er einen erwachsenen Schüler auf der Straße, der ihn grüßte. Einen großen, etwas dummen Menschen mit treuen Bewegungen. Er sprach mit ihm. Und bat ihn, ihn zum Bahnhof zu begleiten. Er kaufte ein Billet. So mußte er reisen.

Und er sah sie nicht mehr.

Er saß in der Bahn an einem nachtschwarzen Nachmittag, in dem stickigen Dritter-Klasse-Kupee, zusammengepfercht mit Fabriksarbeitern und wichtigen Kleinbürgern. Unten fror man entsetzlich in den Füßen und oben fraß sich schmieriger Zigarrenrauch ins Gesicht, der noch den Speichel aller der ungepflegten Münder in sich hatte.

Gustav fühlte sich hier wieder groß. Er wußte, daß alle die Leute um ihn herum nicht einmal ahnen konnten, welche Schmerzen er litt. Er fühlte sein Schicksal unbändig schwer und mächtig vorne auf den Schienen liegen. Die Lokomotive stapfte mit ihrem eisenharten Leib darüber hin.

Eine süße Wollust betäubte ihn. Sein Vater mußte einmal eine sehr schöne Frau geliebt haben. Und er schlief ein.