Dann war er wieder ein kleiner, verschreckter Bettler, der zu seiner Schwester ging und sich von ihr auszanken ließ mit harten Worten. Deren Ungerechtigkeit er wohl kannte. Und die er nicht beantwortete.

Er verstand nicht, sich zu ernähren. Und auch nicht, zu verhungern. So ließ er sich in die Mittelschule der Stadt hineinprotegieren und ging Mittwoch und Samstag zu seiner Schwester essen. Dort war er nicht mehr, als Mutters Bruder, ein höheres Wesen, sondern trotzdem er Mutters Bruder war, ein trauriger Narr. Man war gut mit ihm. Und Richard und Martha wurden sehr herablassend.

Eines Tages, als er einige Heller mehr hatte als nichts, ging er an einer kleinen Ansichtskartenhandlung vorbei. Das ganze Fenster war voll grellfarbiger Gebirgslandschaften, schmachtender Mädchenköpfe, Blumenstücke, Liebesszenen. Er liebte Ansichtskarten. In seinem Zimmer hingen immer abwechselnd sechs Stück an der nackten Wand. Nicht mehr und nicht weniger. Mit Reißnägeln befestigt.

Er ging in das Geschäft und unterhandelte lang mit der kleinen, blonden Verkäuferin. Dann kaufte er ein weißes Kaninchen auf grasgrünem Hintergrund. Obwohl er selbst es häßlich fand.

Er kam wieder jede Woche, jeden Tag. Gisa, die kleine Verkäuferin, hatte zu wenige und zu lichte Haare und dumme kleine Zähne, die übereinander lagen. Sie war nicht mehr ganz jung und doch kindlich zart. Sie liebte ihn und er fror alle Abende allein in seinem dunklen Zimmer.

Er zeichnete Ansichtskarten für das Geschäft. Eines Abends, als sie ihm zusah, küßte er sie auf die Stirne. Sie lehnte sich an ihn und sagte, sie seien verlobt und ihr häuslicher Herd werde ein Paradies sein, wie keines in der Welt. Er war erstaunt und sehr glücklich.

Sie waren lange verlobt. Sie verehrte seinen Geist und seine Kunst und plapperte ihm alles nach. Es kam drollig heraus, in ihrem Deutsch, das vom Dialekt nicht ganz zu reinigen war.

Er war glücklich. Nur konnte er zornig werden, wenn ihr Bruder, ein Soldat, nach Wirtshaus roch und ihre Mutter wollene Strümpfe auf den Tisch legte, auf dem eine goldene Vase mit verwelkten Gräsern stand. Dann schlug er auf den Tisch mit der Faust. Sie weinte hysterisch und zu laut.

Sie hätten sicher geheiratet, wenn er das Geheimnis ihrer Verlobung nicht doch zu zeitlich Mutter verraten hätte. Sie zog ihn vor das Grab seines Vaters und beschwor ihn, seinen toten Eltern diese Schmach nicht anzutun. An sein väterliches Haus zu denken. An seine Erziehung. Er floh vor ihr. Sie ließ nicht locker. Sie holte ihn von der Schule ab, sie lauerte des Abends auf ihn vor der Haustür. Es kam zu häßlichen Szenen zwischen ihr und Gisa, wo er kaum die einzelnen Worte verstand und sich fragte, ob man denn so schreien könne, ohne betrunken zu sein.

Und Mutter siegte. Mutter war die Stärkere. Mutter war sehr stark.