Er aber schrieb, als alles endgültig vorüber war, seinen ersten und einzigen Brief an die Frau des Direktors. Er wollte ja nur wissen, ob sie lebe, ob sie gesund sei, ganz gewiß gesund. Es war vielleicht ein wunderbarer Brief. Der nie beantwortet wurde.

Das war vor einigen Jahren. Seither führte man Gustav nicht in das Zimmer, wenn Gäste da waren.

Ruth ging an einem staubigen Spätsommerabend durch den großen, öffentlichen Park. Die Blätter hingen welk an den Bäumen, zu kraftlos, um sich abzubröckeln. Und zogen alle Säfte nach unten. Während graue Dämmerung die Wipfel drückte.

Auf den braungelben, eisernen Klappsesseln saßen in langen Alleen Liebespaare. Die Sesselfrau humpelte zwischen ihnen herum und kontrollierte sie. Und jedes hatte ein Gegenüber. Das saß schon dort seit Mai und nichts hatte sich geändert.

Vom Kaffeehaus herüber spielte die Kapelle Ouvertüren und Operettenlieder. Eintönig und zu rasch. Alles war hier so langsam und müde. Runde, dunkle Holzreifen trennten den Rasen vom Weg. Aber der Kies lag verstreut noch weit im grauen Gras.

Ruth dachte daran, daß sie möglichst spät nach Hause kommen wollte. Daß sie vergessen hatte, die Schuhe vom Schuster abzuholen. Daß sie ihren neuen Koh-i-noor verloren hatte.

Ihre Sohlen spürten, daß sie bei jedem Schritt in dem zerwühlten Sand etwas hinter sich ließen, das dunkel war und weich und wenn man ganz hinsah, tief hinunterging. Abgrund. Und ein chemischer Geruch aus trübgelben Phiolen. Eine Beethovensonate, die gerade verklang und doch lebte, obwohl sie ohne Verständnis gespielt worden war.

– Guten Abend, Onkel Gustav, sagte Ruth, tottraurig. – Guten Abend, Ruth, bist du auch hier. – Der große Terrier preßte sich dicht an seinen rechten Fuß.

Sie setzten sich in eine Allee, in die das gelbe Licht der Gaskandelaber nicht mehr dringen konnte. Ruth zeichnete mit der Fußspitze in dem bleichen Sand runde, dunkle Furchen. Sie sagte: – Weiß Gott, wer da heute schon ausgespuckt hat!

Der Terrier bekam auch einen Stuhl und legte den Kopf auf Onkel Gustavs Schulter.