Martha liebte Mutter nicht. Obwohl sie an Mutters Geburtstag am eifrigsten den Tisch deckte. Aber alle Morgen stritt sie mit Mutter mit einer schrillen Stimme. Zu ihren Freundinnen nannte sie Mutter nur „sie“.

Zu Mutter flüchtete Ruth sich, als sie die große Angst bekam vor dem großen Gott im Himmel oben. Der gar nicht half, wenn man zu ihm betete. Der seinen lieben, wunderbaren Sohn am Kreuz hatte verbluten lassen, der es duldete, daß es eine Hölle gibt, während es ihm dort oben am besten geht. Der die Menschen in den Spitälern sterben läßt und noch will, daß man dankbar dafür ist.

Ruth bekam eine Bonne, deren winziger Koffer voll war mit Marienbildern und Rosenkränzen. Die führte Ruth in alle Kirchen. Sie fror stundenlang in den kalten, zu hohen Räumen mit den dunkel nassen Mauern. Weihrauch versperrte ihr die Kehle und der Kirchendiener hatte schmutzige Pantoffel. Vorne am Altar war Christus gekreuzigt. Rostige Nägel durchbohrten die Knochen. Das Blut war geronnen. Und er konnte nie und nie herunterfallen.

So hing er in allen Kirchen und die Menschen beteten um schönes Wetter und Glück bei ihren Geschäften. Ach, wie arm war er. Für alle hatte er sterben müssen, und keiner liebte ihn.

Eines abends stritt Mutter mit Vater. Es war so ein kleiner häßlicher Grund, daß Ruth ihn vergessen wollte, nein, nie mehr daran denken. Vater schwieg. Mutter warf Vaters Zeichnungen auf den Boden. Vater schwieg. Ruth schlich aus dem Zimmer. In dem kleinen Gang neben der Küche drückte sie die Stirne an das Fenster und betete: Lieber Christus, ich habe dich lieb. Ich bete nicht, ich will nichts von dir, ich habe dich nur lieb ... An diesem Abend kam Mutter nicht zum Gutenachtkuß. Ruth rief nicht nach ihr. Aber sie hatte ein rotgoldenes Christusbild unter dem Kopfkissen.

Sie wollte Nonne werden. In der Abenddämmerung in niederen Kreuzgängen wandeln und über das Meer schauen und Christus lieben.

In die Messe mochte sie doch nie gehen. Wie entsetzlich war es, zu denken, daß der fettige Geistliche da vorne das reinste Blut trank. Wenn es auch für die ganze Welt gut war, es war eine ungeheure Grausamkeit – ein Verbrechen – und daß das alle Morgen geschah ...

Ruth besaß ein Kinderbuch, in dem opferten die Chinesen grell gemalten, glotzäugigen Buddhas. Vor diesem Buch graute ihr. Und vor den fetten Altären der katholischen Kirchen.

Zu Hause aber steckte sie ihren liebsten Bleistift in den Ofen – Opfer für Christus.

Dem lieben Gott versprach sie alle Tage ein Gebet mehr. Was anderes konnte sie ihm nicht geben. Als es zu viel wurde, gab sie es überhaupt auf. Und von dieser Stunde an stand sie nicht mehr gut mit ihm.