Aber sie küßte den schmutzigen Steinboden im Stiegenhaus. Christus zu liebe.
Dann bekam sie eine andere Bonne. Mit sehr roten Wangen und gekräuselten Haaren, die alle Nacht zwei Stunden lang mit der Brennschere bearbeitet wurden. Diese Bonne liebte Ruth sehr. Sie erzählte ihr ungeheuer viel von einer Baronin, die schon zweimal verheiratet war und Ruths Schuhnummer hatte und alle Monate vier Paar Schuhe brauchte. Eines Nachmittags führte sie Ruth zu der Baronin. Das Zimmer war voll mit parfümiertem Rauch und schweren Teppichen. In einem Erker saß die Baronin neben einer riesigen Palme. Sie trug einen grauseidenen Schlafrock. Seine Falten krochen über ihre müde, duftende Haut. Sie sprach lange mit der Bonne und liebkoste Ruths Zöpfchen. Sie schenkte Ruth ein Bonbon. Ruth schlief diesen Abend ein, das Bonbon in der Hand, das am nächsten Morgen als zähe Masse die kleine Faust verklebte.
Sie schrieb den Anfangsbuchstaben des Namens der Baronin auf die Löschblätter in allen Heften. Als die Bonne plötzlich fortgehen mußte, weinte sie die Nacht durch.
In einem großen Hotel liebte sie einen gazellenschönen, argentinischen Knaben. Sie sprach nie ein Wort mit ihm, dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Aber sie zählte die Stunden, bis sie ihn wieder in den Speisesaal kommen sehen könnte, neben seiner überüppigen Mutter.
An einem lichtgoldenen Frühlingstag sah sie auf dem Markt einen Korb weißer Hyazinthen. Kaum erblühter, strahlend weißer, schlanker Hyazinthen. Sie hatte kein Geld. Was sollte sie tun? Sagen, daß sie diese Hyazinthen haben mußte, sehen mußte, einatmen mußte. Nein, niemals, so etwas spricht man nicht aus. Das ist etwas so ungehöriges, wie die Dinge, die in den verbotenen Büchern stehen. Über so etwas schweigt man. Und wenn es nur wäre, um nicht ausgelacht zu werden. Das aber ist Schande und Schändung. Das ist so wie der gepeinigte Christus an jeder Wegkreuzung.
Im Sommer darauf bemerkte sie zum erstenmal, wie sich das saftige Grün der Buchenblätter in die Sonnenbläue des Himmels schmiegt. Und sie berührte schüchtern das Waldgras, das hoch und gebogen war, während auf den Felsen die Erde duftete. – Geh nicht in den Wald, sagte die Mutter, dort sind Holzhauer und Schlangen.
In diesem Sommer wuchs Ruth überraschend schnell und bekam kräftige, braune Arme.
Im nächsten Winter entbrannte sie in wilder Leidenschaft für Napoleon. Der mit gekreuzten Armen über die Menschen gegangen war und sie zertreten hatte.
Damals war es, daß Ruth eine Macht über sich fühlte, die sie fausthart in die Knie zwang. Und von der ihre weichen, unentwickelten Gelenke sich in sehnsüchtiger Wollust kneten ließen. Sie wollte nicht lieben, nicht Liebe empfangen, aber unterworfen werden.
Im hintersten Winkel des Kleiderkastens war ein wunderliches Gemisch von Kostbarkeiten: Eine falsche Rose, die Mutter getragen hatte als sie einmal in das Theater ging und so besonders schön war. Gepreßte Zyklamen aus dem Buchenwald. Das rotgoldene Christusbild. Eine Unterschrift der Baronin aus einem Brief an die Bonne. Ein Ausschnitt aus einem französischen Werk über Napoleon. Und das Wort Beethoven mit roter Tinte auf die verkehrte Seite einer Visitkarte geschrieben.