Wenn Ruth ihren Kasten zusammenräumte, wischte sie diese Dinge mit einem Batisttaschentuch ab. Jedes war einzeln in weißes Seidenpapier gewickelt und mit Christbaumschnüren zugebunden. Ruth rührte aber keines gerne an. Sie fürchtete den Tag, wo ein quälendes Gewissen sie dazu trieb, alles frisch zu ordnen und neu einzuwickeln. Sie wusch sich vorher dreimal die Hände und fürchtete, daß ein unreiner Atemzug diese Heiligtümer beleidigen könnte.

Denn das alles waren Heiligtümer, nicht Erinnerungsstücke. Kleine, nichtige Gegenstände, vollgetränkt mit dem Empfinden einer überströmenden Liebe. Und als Christus, als die Baronin, als Napoleon Ruth fremd geworden waren, behielten die einzelnen Dinge doch ihre seltsame Macht. Ja, diese Macht war sogar gewachsen, wenn das Ideal tot war. Und noch unbegreiflicher, furchteinflößender geworden. Es war besser, man berührte diese Gegenstände nicht, ging ihnen aus dem Weg und sperrte den Kasten zu. Wodurch allerdings auch der Schlüssel lebendig wurde und schwer zu behandeln.

Es kam noch vielerlei dazu. Schmächtige Seidenfransen, die sie einem Freund Richards, einem langlockig, grobbeinigen Menschen von seinem Kragenschoner weggeschnitten hatte. Ein weißblondes Haar der Englischlehrerin. Und noch vieles andere. Es gibt keine Kirche, die so viele Reliquien hat wie Ruths Kleiderkasten.

Einmal saß Ruth bei dem Speisezimmertisch und sollte eine Schulaufgabe machen. Mutter saß mit ihren Rechenbüchern daneben. Da kam ein Dienstmädchen herein, die Mutter einst wegen Diebstahls hinausgeworfen hatte. Die brachte ihr Kind. Mutter schob alle Rechenbücher beiseite und nahm den Säugling auf den Arm und küßte und hätschelte ihn. Ruth sah sich wieder ganz klein und der Mutter so nackt und hilflos überlassen, wie dem lieben Gott selbst. Sie zeichnete Mutters Kopf in ihr Schulheft.

Onkel Gustav erklärte, sie sei ein Genie. Mutter war stolz. Sie hatte in ihrer Jugend selbst viel gemalt, große, bunte, talentierte Bilder. Man schickte sie in eine Zeichenschule. Und dort war Hilde.

Wenn die Sonne aufgeht, brechen alle Pflanzen aus der Erde und die Steine werden licht. Denn das ist die große Kraft.

Wenn Hilde in das Zimmer kam, wurde der Raum weiter und höher. Und durch alle Muskeln zuckte Ungeduld und Sprungkraft. Denn sie besaß große Kraft.

Sie sehen, hieß einen Trunk frischen Wassers tun. Und vor Ruth sanken die schwerblütigen Vorhänge der elterlichen Wohnung in einen fetzigen Haufen zusammen. Und sie verstand, daß es wichtiger war Fensterscheiben zu zerschlagen als einem Bettler ein paar Kreuzer zu schenken. Denn die Sonne muß hereingelassen werden. Sie ist die große Kraft.

Mit Hilde konnte man nicht sprechen. Ihre Nähe war grell und fast schmerzhaft laut. Ruth flüchtete vor ihr. Alle Reliquien durften verstauben.

Hilde reiste nach Italien. Sie sah Hilde nicht mehr. Ein greller Funken hatte ihr Leben grell gemacht, ganz kurz, momentan. Sie war feige und blieb in der Dämmerung. Aber sie kannte das Licht. Und wartete.