Als sie aus dem Tor herausging, traf sie Onkel Gustav und Richard. Beide zogen den Hut vor der Kirche. – Warum tut ihr das, sagte Ruth ärgerlich, ihr glaubt ja doch nichts.
– Das macht man so, sagte Onkel Gustav verlegen.
– Ruth, du bist wieder einmal dumm, erklärte Richard.
– Aber ein Tier tut das nicht, sagte Ruth und streichelte Onkel Gustavs namenlosen Hund.
Gute Familie
Martha unterrichtete in der Schule, die Norberts jüngste Schwester besuchte. In der sie selbst ihre erste und letzte Bildung empfangen hatte und wo Ruth einmal fast hinausgeworfen worden war, weil sie öffentlich zu erklären wagte, vor der französischen Grammatik brauche man den lieben Gott nicht im Gebet anzurufen.
Mutter hatte darauf gehalten, daß ihre Töchter diese Schule besuchten und keine andere. Es war die vornehmste Schule der Stadt, die Bureaukratenschule. Es galt als Zeichen von Ruths Dummheit, daß sie nicht einmal in dieser Schule gute Noten bekommen konnte.
Ruth dachte niemals an ihre Schuljahre zurück. Sie mied den Weg, der an der Anstalt vorbeiführte. Sie empfand schon in der Nähe des Hauses den dumpfen Tintengeruch aller der Rehlederfleckchen, die zu besitzen dort so streng verlangt wurde und die sie immer verlor. Französische Verben, verwischte Diktate, alte Butterbrote, schwarze Clothschürzen mit knallblauem Rand und das unbedingte Bedürfnis, sich auf den Tisch zu setzen, jetzt, gerade jetzt, weil das so entsetzlich unpassend ist.
Vor allem aber hielt sie ein wurmendes Schamgefühl zurück, wenn sie sich an diese Zeit erinnerte. Sie wollte nicht eines sein mit dem faulen, boshaften Fratzen, der der Mademoiselle alles nachwies, was sie in Geschichte falsch unterrichtete, ihre gefärbten Haare bewunderte und stundenlang darüber grübelte, was sie ihr Verletzendes sagen könne. Denn die Mademoiselle war dumm. Es war eine Unverschämtheit, andere belehren zu wollen, ohne klüger zu sein. Das einzige, was Ruth aus der Schule brachte, war ein glühender Haß auf den Kardinal Richelieu. Der bestimmt der Mademoiselle ähnlich gesehen haben mußte, ihre kaltadrige, rote Gesichtsfarbe gehabt hatte und ihre steifglänzenden Halskragen. Damals hatte Ruth den Haß gelernt. Nicht den hochlodernden, kämpfenden. Aber den sich ekelnden, nagenden, den man gegen Fleischfliegen hat und Maden. Den allerunbarmherzigsten.
Und damals hatte Ruth die Roheit kennen gelernt, die nicht zögert, sich selbst zu beschmutzen. Als ein Kind der Schule gestorben war, kam der Literaturprofessor wankend in die Klasse. Er war ein kleiner, lächerlicher Mensch mit strohgelb in die Höhe stehenden Haaren. An die Tafel gelehnt, schluchzte er überlaut, wischte sich die Tränen ab mit einem blauen Taschentuch, schneuzte sich – und dazu mußte ein Mädchen ein ganz blödsinniges Lesestück vorlesen. Da begannen alle Kinder zu lachen. Und Ruth mit ihnen, sie zerbiß ihr Taschentuch – er weinte ja auch immer, wenn er von Theodor Körner sprach.