O die viele, viele Schande, die sie dort erdulden mußte. Alle Morgen eine Krankheit erfinden, um nicht hinzugehen. In einer Zeit, wo der unbeugsame Kindersinn nach unbedingter Reinheit verlangt und der geringste Schmutzfleck ratlos macht und ausliefert.
Konnte man je wieder rein werden, wenn man in diese Schule gegangen war? Wo alle unterdrückte Sinnlichkeit der vertrockneten Lehrerinnen unter den Bänken wieder erwuchs, aufgezogen von der schmierigen Neugier halbwüchsiger Kinder, die von Liebe nichts wissen dürfen. Ruth wurde später rot, wenn sie an die Gespräche dachte, die sie mit zwölf Jahren hören und führen mußte. Und dann wurde alles verraten. Und ein Kind wurde ausgeschult, weil es die Tochter einer Schauspielerin war.
Nein, an diese Schule durfte man niemals zurückdenken. Ruth wich Martha aus, wenn sie des Morgens dorthin ging. Sie hätte sie bedauert, wenn sie sie nicht so maßlos verachtet hätte.
Es war ganz selbstverständlich, daß Norberts Schwester diese Schule besuchte.
Norbert kam nicht mehr bloß Samstag. Er kam auch Mittwoch. Jeden Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Vorher spielte er noch mit Gustav zwei Sonaten, eine neu und eine, die sie schon das letztemal gespielt hatten. Ruth kam an diesen Tagen immer zu spät nachhause.
Ruth verachtete Norbert. Diese Verachtung war mit einem ihr sonst fremden Ekel untermischt. Der sich bis zur Wut steigern konnte, wenn er sie über den Tisch herüber ansah, hundetreu und Vertraulichkeit vortäuschend.
Mutters Vorliebe für Norbert stieg immer mehr. Martha konnte gar nicht aufhören, mit Norbert zu sprechen. Er gab als Mitglied seiner Kaste etwas verächtlich Auskunft über die Familienchronik der Stadt – aber immer als Mitglied seiner Kaste. Martha bekam hektisch rote Wangen. Ruth dachte: Mein Gott, wie wenn ich den Uilenspiegel von de Coster lese. Aber da ist es nicht ein Mensch, ein Volk, eine Welt, nur eine ehemalige Tanzstunde.
Deshalb hatte sie Martha in den letzten Jahren beiseite liegen lassen. Neben ihr starb eine Seele in der Sehnsucht nach dem gelobten Land.
Eines Mittags kam ihr auf der Straße ein ältliches Fräulein entgegen, trotz der lichten Sonne in einem langen, grauen Regenmantel. Scharfe Nase, weltfremde Augen, unter dem Arm eine Aktentasche. Ruth dachte: Lehrerin, die hat heute sicher ein ungezogenes Kind gequält. Vielleicht so eines wie ich war.
Sie ging weiter. Um die Ecke herum begegnete ihr Martha, die eben aus der Schule kam. Sie hing sich hastig an Marthas Arm und fragte einige ganz überflüssige Fragen. Martha antwortete mürrisch. Ruth dachte: Um Gottes Willen, vielleicht sieht sie in ein paar Jahren so aus wie die andere, die Lehrerin von vorher. Nein, das ist unmöglich, das darf nicht sein.