Derselbe glühendheiße Druck legte sich ihr zwischen die Brust, den sie als Kind empfunden hatte, als der Arzt sagte, daß Vater sterben müsse. Sie hatte sich in einem Kasten versteckt und schrie in sich hinein: unmöglich.
So ging sie heute neben Martha. Bei einem Blumenweib blieb sie stehen und kaufte ein winziges Büschelchen Veilchen. – Ruth, um diese Jahreszeit. Du fängst also schon wieder so an mit dem Geld. – Nimm sie. – Unsinn. – Bitte. – Nein, könnte mir einfallen.
Ruth hielt die Veilchen ganz tief unten. Nur nicht weinen vor Zorn. Pfui Teufel. Und Marthas Schleier hatte ein Loch quer über die Wange hin. Ach, was ging diese langweilige Person sie eigentlich an. Sie ließ die Veilchen in den Rinnstein fallen, knapp bevor sie in das Haustor traten und sprang voraus über die Stiegen.
Dann aber schalt Mutter mit Martha kreischend laut und ungerecht. Ruth stand im Nebenzimmer mit geballten Fäusten. Mutter schrie. Martha schwieg. Ach, da war wieder der entsetzliche Druck, der brennende Druck – Angst –
Ruth warf eine alte Porzellanvase zu Boden, daß die Splitter sprangen. Mutter stürzte wütend herein. Sie schüttelte Ruth und stampfte mit dem Fuß auf die Scherben. Aber sie war wieder gut mit Martha. Denn Martha jammerte mit.
Ruth weinte so lange, daß sie am Abend krank war und in das Bett gesteckt wurde. Mutter brachte ihr besonders aufgegossenen Tee und setzte sich an den Bettrand wie in alten Zeiten. Aber Ruth drehte den Kopf weg. Das Licht schmerze sie. Plötzlich sagte sie: – du hast Martha nicht gern. – Was soll das heißen? – Du hast Martha gar nicht gerne. Weil sie häßlich und unglücklich ist. Häßliche und unglückliche Menschen mag man nicht. Ich liebe Martha auch nicht, o nein. Aber ich will nicht mehr mit ihr streiten.
Und nach einer Weile: – Weißt du Mutter, eigentlich wünsche ich, daß Martha auch aus dem Fenster gesprungen wäre, wie ihre verrückte Freundin voriges Jahr. Wenn sie es heute noch tun wollte, ich glaube, ich würde ihr helfen und – Ruth, Mutter stand vor dem Bett, dunkelrot – du willst also, daß ich hinausgehe ... Nein Mutter, ich habe nur manchmal so Angst. Aber wenn du gehen willst, gib mir etwas zu lesen, irgendein Buch, nur etwas, was gerade auf dem Tisch liegt. – Schillers Dramen? – Nein, nicht das. Wozu. Ich sage dir, heute Mittag habe ich auf der Straße im Sonnenschein eine Frau gesehen, viel, viel schlimmer als die Maria Stuart, bevor sie auf das Schafott geht. – Du träumst. – Nein, ich habe die Augen offen, sehr weit offen – gute Nacht Mutter.
Ruth versuchte nicht mehr, mit Martha zu sprechen. Aber in den nächsten Tagen vergaß Martha, als sie in das Theater ging, den Schlüssel ihres Kastens abzuziehen. Ruth schlich in ihr Zimmer. Ihr Herz klopfte in die Kehle hinauf. Sie verschloß die Türe. Sie dachte: jetzt mache ich etwas Niederträchtiges, Schmutziges. Aber ich kann ihm nicht entgehen, es geschieht von selbst, notwendig –
Sie fand nichts, nein, sie fand gar nichts in dem Kasten, nicht einmal die Photographie, die sie erwartet hatte. Wozu sperrte denn Martha den Kasten immer auch dreifach zu. Nur ein Buch lag da, in Leder eingebunden, mit vorgedrucktem Datum, darinnen standen alle Theater, Vergnügungen, Bälle und Tänzer.
Ruth empfand wieder den Geruch von Gaze, Spitzen, gebranntem Haar, Straußfedern und frischen Blumen, die alle nach Parfüm und Puder schmeckten. Jene festliche Erregung, die die ganze Familie bis zur Hausmeisterin hinunter beherrschte, wenn Martha mit Mutter auf einen Ball ging. Die ihr Kinderherz nicht schlafen ließ und an rauschende Seidenröcke denken und blonde Prinzessinnenlocken.