Heute abends war sie mit Mutter allein beim Abendessen. Mutter sollte erzählen.
Mutter tat das gerne, leichthin, ohne Ruths brennendes Interesse zu spüren. Ruth zerkrümmelte das Brot über das Tischtuch.
Mutter sagte: – Du brauchst nicht glauben, daß Martha immer so war, wie sie jetzt ist. Sie ist ein armes Mädchen, aber gut. Und du bist manchmal sehr abscheulich zu ihr, Ruth. Da ist Richard ganz anders. Er ist doch immer so rücksichtsvoll, das hat er bei Martha am besten gezeigt. Gott, das ist schon lange her und von so etwas spricht man lieber nicht mehr. Überhaupt zu dir, du könntest eine Bemerkung machen –
– Natürlich. Ich verstehe nicht, warum du dann davon redest? Was es schon sein wird, sie wird eben ein Kind bekommen haben.
– Ruth, so etwas sagst du zu mir? Wie du jetzt immer sprichst. Mit wem gehst du eigentlich um? Schon in der Schule hast du dir immer die Minderwertigsten ausgesucht. Bei Martha war das ganz anders. Wenn du wüßtest mit wem Martha verkehrt hat –
– Das hat ja auch herrliche Folgen gehabt.
– Martha war immer nur in den besten Familien eingeladen. Die Leute haben sich um sie gerissen. Sie war hübsch und liebenswürdig. Alle haben ihr den Hof gemacht, wie toll. Menschen wie Norbert –
– O weh ...
– Ja, das ist dir natürlich zu gut. Aber ich sage dir, Martha hat ein schönes Leben gehabt und war glücklich. Das verdankt sie mir.
Ruth bückte sich, um die Serviette vom Boden aufzuheben.