Dann schwiegen beide. Aber wie die Dämmerung so weit hereingekrochen war, daß das steifbeinige Zifferblatt der Uhr verschwimmen mußte, sagte Ruths Stimme, fremd und hell:
– Du wartest, daß ich dir erzähle. Was soll ich dir erzählen? Es ist nichts geschehen. Es ist etwas Ungeheures geschehen. Ich trage bis heute die ganze Last deines verbrauchten Lebens in mir.
Ich sehe deine weißen, mörderischen Hände. Wenn es auch dunkel ist. Warum hast du niemals Leberblümchen mit ihnen gepflückt oder Primeln. Stiefmütterchen, die zwischen den Bahnschwellen liegen. Warum bist du denn immer hinter den langweiligen Bahnschranken stehen geblieben und niemals mitgefahren in federnden Kissen. Deine Hände sind auf den weiß gestrichenen Schranken gelegen. Noch als du ein kleiner Junge warst und hinauf greifen mußtest. Sie haben sich nicht getraut, eure Kaninchen zu erwürgen. Obwohl sie es so gerne getan hätten. O, du hättest es tun sollen –
Aber das Weiße in Mutters Augen ist zerbrochen. Ich weiß es.
Ich weiß jetzt alles. Und ich fühle den Zorn, der deshalb in dir tobt. Und die blutlechzende Freude, mit der du mich wiederkommen siehst. Denn ich bin wiedergekommen.
Weil ich deine feigen Nächte kenne. Deine Phiolen –
Er war aufgesprungen und stand vor ihr, so groß und dunkel, daß die Dämmerung bleich werden mußte und verdrängt.
Da sank sie in sich zusammen: – Ich liebe deine Hände. Ich liebe deine Minerale. Ich liebe dein Gift – dich –
Er beugte sich über sie, tief, erdrückend.
Sie bäumte sich auf. Und fühlte seine kampfbereiten Muskeln.