So war auch unser Aennchen leider keine Musterschülerin geworden, wenngleich ihr alles Lernen leicht ging und sie sich in keiner Weise zu sehr plagen mußte. Aber es fehlte ihr eben die Ruhe und Stetigkeit. Sie hatte es allerdings so weit gebracht, daß ihr die Buchstaben des Alphabets keine unheimlichen Figuren mehr waren, vermochte im Gegenteil, wenn auch etwas schwerfällig, zusammenhängende Wörter zu entziffern; auch hatte sie bereits gelernt, ihren Namen zu schreiben, wenn er freilich immer in sehr schräger Richtung auf den Zeilen lag, und der Herr Lehrer hatte sogar versprochen, bald einmal mit Tinte es versuchen zu lassen.

Aber der Rechenunterricht machte ihr gar viel Kopfzerbrechens und sie vermochte oft tiefsinnig eine halbe Stunde über einem Rechenexempel nachzugrübeln, wie viel 5 Birnen und 4 Birnen und 6 Birnen wohl zusammen ergeben möchten, brachte aber zuletzt doch 13 Birnen heraus, und das war doch nicht richtig. Oder sie zählte zusammen, daß 6 Pfennig und 12 Pfennig 16 Pfennig betrügen, und das war doch sicher auch falsch.

In den biblischen Geschichtsstunden hingegen war sie eine brave und aufmerksame Schülerin, sie hörte gar zu gern die wunderschönen Geschichten vom Jesuskindlein mit an, wie es auf die Welt gekommen und auf Erden gewandelt ist. Und wie die Erde geschaffen wurde und das Paradies, in welchem die ersten Menschen gelebt, bis die böse Schlange die Eva verführte, das war doch alles ganz wunderbar interessant und auch alle die schönen Sprüche aus dem Katechismus prägten sich gar leicht dem Gedächtnis ein.

Am liebsten aber von allen Stunden war und blieb für Aennchen die Gesangstunde, diese bildete ihre ganze Wonne! Es konnte sich aber auch keine von allen Schülerinnen rühmen, eine solch klare melodische Stimme zu besitzen, keine vermochte sich eine Melodie so im Fluge einzuprägen und mit Ausdruck vorzutragen, wie Aennchen. So war sie denn gar bald zur ersten Chorführerin vorgerückt, welche sogar dem Lehrer behilflich sein konnte, die andern im Takt zu halten, und wenn die Stunde zu Ende ging, baten gar oft die Kinder:

»Bitte, bitte, Herr Milde, lassen Sie Aennchen noch etwas singen.«

Dann durfte sich Aennchen selbst ein Lied auswählen und sie that es gar gerne. Bald sang sie mit ihrem süßen Stimmchen:

»Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin« – – oder »Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön« – – oder auch »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten« – – und alle lauschten dann entzückt ihrem Gesang.

Sechstes Kapitel.
Ein Tag bei Alma.

»Höre, Annchen, morgen ist mein Geburtstag, da hat meine Mama mir erlaubt, dich für den ganzen Tag zu mir einzuladen,« sprach eines Samstags am Schluß der Schule Alma zu Aennchen. Aennchens Augen leuchteten, dennoch aber meinte sie zweifelnd: