Aber sie sollte für ihren Uebermut hart bestraft werden, denn eines Tages trat ihr Papa eine weite Reise an, von der er nicht wiederkehrte – das Schiff, auf dem er fuhr, ging mit ihm unter. Nun war ihre Mama eine Witwe und fremde Männer kamen ins Schloß, die Reichtümer zu ordnen. Aber so sehr man suchte und suchte, es fanden sich keine vor, im Gegenteil nur eine große, große Summe von Schulden, so daß man auf das herrliche große Schloß und den Garten und die Felder und Wälder Beschlag legte und der Mutter des kleinen Mädchens gar nichts mehr übrig blieb, so daß sie eines trüben Tages das Schloß mit ihrem Kinde verlassen mußte. So jung das kleine Mädchen auch war, es empfand dennoch schon schwer die furchtbare Umwandlung, welche mit der Mutter und ihr vorgegangen war; sie sah ihre arme Mama Tag und Nacht weinen und sich abhärmen und in der kleinen kalten Dachkammer, in der sie wohnten, war ihr einziger Gefährte die bittere Sorge und Not. Wohl mühte sich Marguerites Mutter bis tief in die Nacht hinein mit ihren feinen Fingern ab, Handarbeiten zum Verkauf zu verfertigen, aber der Erlös reichte kaum hin, die beiden vor dem Verhungern zu retten.

Ach, und Marguerite hatte so gar nichts gelernt, auch an der Arbeit ihr Scherflein mit beizutragen, ihre Finger waren gar so ungeschickt und nichts ging ihr von der Hand. Als aber die Not immer größer wurde, da fing sie doch an, der Mutter die Arbeiten abzusehen und sich selbst daran zu versuchen, und siehe, als sie nun erst wirklich einmal wollte, da ging es auch und sie brachte ganz hübsche Stickereien zu stande. Der Kaufmann, dem sie dieselben brachte, empfand Mitleid mit ihrer Jugend und Armut und bestellte neue zu guten Preisen! Das erfüllte sie mit glücklichem Stolz. Aber es war noch nicht genug der Prüfung, die über sie gekommen, denn nun begann ihre arme Mutter sehr leidend zu werden und zu schwach, selbst etwas zu leisten. Welches Glück, daß nun das Töchterlein imstande war, für sie einzutreten, und sich auch in der Pflege geschickt und willig zeigte. Der Kaufmann, für den sie stickte, ward ihr ein treuer Freund, welcher half, so viel er konnte, da er den guten Willen des armen Kindes sah, und so war Marguerite wirklich imstande, ihre arme Mutter bald ganz zu erhalten. Aber ihr Stolz war gebrochen und mit tiefster Beschämung dachte sie oft daran, welch ein unnützes stolzes Geschöpf sie einst in früheren Tagen gewesen. Der liebe Gott führte sie denn durch Prüfungen und Irrwege schließlich zum glücklichen Ziel und sie ist zufrieden und glücklich geworden. Und wißt ihr, lieben Kinder wer die kleine Marguerite eigentlich war?« fügte das alte Fräulein nach einer Pause noch leise bei: »Ich selbst bin es gewesen.«

»Sie selbst?« riefen überrascht die Kinder, denen bei der schlichten Erzählung Thränen des Mitleids in die Augen getreten waren, und Alma, welche besonders aufmerksam diesmal zugehört hatte, fragte noch einmal:

»Sie selbst waren das vornehme Kind – und jetzt?« – – – Sie stockte.

»Jetzt bin ich eine arme Handarbeitslehrerin,« vollendete Fräulein Marguerite mit einem unendlich wehmütigen Lächeln den Satz. »Glaubt aber nicht, liebe Kinder, daß es mir je einfallen sollte, über mein jetziges Los zu murren. Ich danke im Gegenteil dem gütigen Gott jeden Tag, daß er mich so weise Wege geführt und davor bewahrt hat, ein übermütiges stolzes Geschöpf zu werden, und fühle mich glücklich wenn er mich ferner gesund erhält, euch, ihr kleinen Mädchen, durch meine eigenen so schwer errungenen Kenntnisse auf die Schule des Lebens vorzubereiten – möge aber keine von euch allen durch so harte Prüfungen gehen müssen, als mir selbst bereitet waren!«

Die gute alte Dame hatte zwei helle Thränen in den Augen, als sie endete, und keine von all ihren kleinen Zuhörerinnen war unbewegt. Selbst Alma, so sehr sie es zu verbergen bemüht war zeigte sich tief ergriffen und von dieser Stunde an war sie viel eifriger als vorher bemüht ihre gütige Lehrerin zufrieden zu stellen.

Fünftes Kapitel.
Lehrstunden.

Es waren nun bereits Wochen und Monate darüber hingegangen, seit Aennchen zum erstenmal in die heiligen Hallen der Schule eingeführt worden war, und sie war inzwischen so heimisch in derselben geworden, daß ihr das Liebste gefehlt hätte, wenn sie derselben hätte fern bleiben müssen. Verschwunden war alle Scheu vor den vielen kleinen Mädchen, denn sie war jetzt mit allen bekannt und vertraut, wußte alle bei ihren Namen zu nennen und hatte eine Menge Freundinnen unter ihnen gefunden. Am meisten ging sie allerdings mit Alma Stolzau um, freilich nicht zu ihrem Vorteil als Schülerin, denn Alma gab, obwohl sie ein volles Jahr länger als die andern die Klasse besucht hatte und eine der wenigen Repetentinnen war, doch nur zu oft durch Leichtsinn und Flatterhaftigkeit Ursache zu Tadel bei den Lehrern.