»Hab ich Unrecht heut gethan,

Sieh es, lieber Gott nicht an –

Mache Du durch Christi Blut

Gnädig allen Schaden gut.«

Viertes Kapitel.
Die Handarbeitsstunde.

Dienstag nachmittag sollte Aennchen die erste Handarbeitsstunde bekommen. Als es zwei Uhr schlug, fand sie sich mit ihrem nagelneuen Strickkörbchen, in welchem der rosenrote Wunderknäuel lag, in der Schulstube ein, wo heute anstatt des Lehrers eine Dame den Vorsitz führte. Es war ein liebes altes Fräulein mit silberweißen Haaren, welche zu beiden Seiten der Stirne als dichte Löckchen unter der großen schneeweißen Spitzenhaube hervorquollen. Sie trug ein grauseidenes Kleid und weißen Kragen und Manschetten und sah so lieb und gütig aus wie Aennchens Großmama, so daß diese gleich ein Herz zu ihr faßte und zutraulich auf sie zusprang. Und auch alle andern Mädchen hingen mit innigster Liebe an dem gütigen alten Fräulein, sie durften sie alle »Tante« nennen und die wildesten wurden sanft und artig, wenn sie sie mit ihren milden Augen fragend anblickte. Sie hatte für alle ein gütiges Wort, einen freundlichen Scherz und in ihrem großen Pompadour, den sie an der Seite trug, bewahrte sie für die allerartigsten sogar immer kleine Schokoladeplätzchen auf, die sie dann am Schluß der Stunde austeilte.

Das war eine gar lustige Stunde, in welcher sich die Mädchen bald so heimisch wie zu Hause fühlten; das Fräulein sprach mit den Kindern leichte französische Sätze, die sie bald verstehen lernten, und wenn sie recht artig gewesen waren, wurden in der letzten Viertelstunde fröhliche Liedchen gesungen. Aennchen hatte wie immer ihren Platz zwischen Martha und Alma eingenommen und zeigte sich am Anfang nicht wenig ungeschickt in der Führung der Stricknadeln, welche immer anders wollten, als sie selbst sollte. Ach, und die Maschen hatten eine so unüberwindbare Neigung, herunterzufallen – es war wirklich zu ärgerlich! Wie staunte Aennchen, als sie die kleine Martha gleich in der ersten Stunde an einem wunderschön gestrickten großen Strumpf stricken sah; doch meinte diese lächelnd: »Das ist nicht mein erster. Meine Mutter hat mich schon lange stricken gelehrt und beinahe alle Strümpfe, die ich trage, habe ich mir selbst gestrickt.«

Das war wirklich fabelhaft und Aennchen hätte beinahe den Mut verloren über einem solchen Ausbund von Vortrefflichkeit, wie sie sich ausdrückte, wenn nicht ihre Nachbarin Alma sich auch so ungeschickt wie sie selbst gezeigt hätte und dazu nicht einmal den guten Willen besaß, es besser zu machen. Sie rümpfte das Näschen über die »langweiligen Arbeiten«, wie sie sagte, und meinte: »Ich werde es ja gottlob doch niemals nötig haben, meine Strümpfe selbst zu stricken.« Alma hatte diese letzte Bemerkung so laut gegen Aennchen geäußert, daß selbst das Fräulein sie vernehmen mußte auf ihrem Platz am Katheder. Langsam richtete sie die sanften grauen Augen auf das unter ihrem Blick errötende Mädchen und sprach mit ihrer leisen gütigen Stimme:

»Wenn ich dich recht verstanden habe, liebes Kind, so bist du der Meinung, für dich wäre es nicht nötig, dich mit Handarbeiten abzumühen, weil deine lieben Eltern durch Gottes Gnade so sorgenfrei gestellt sind, daß auch deine Zukunft vollkommen gesichert erscheint. Vielleicht interessiert es dich daher, eine kleine Geschichte von einem Mädchen zu hören, das auch in seiner frühesten Jugend ähnliche Gedanken hegte wie du, und dafür bitter bestraft wurde. Sie wuchs in einem hohen stolzen Schlosse auf und hatte gütige Eltern, welche ihr alles gewährten, was ein Kinderherz entzücken kann; sie speiste auf Silber und Kristall und eine Schar von Dienern stand stündlich nur zu ihren Befehlen bereit. Und an solchen mangelte es dem kleinen herrschsüchtigen Persönchen nie, bald wollte sie auf dem großen Teich im Garten gerudert sein, bald wollte sie in ihrer Pony-Equipage fahren oder es sollten ihr aus der Stadt neue Spielsachen besorgt werden. Sie war so stolz, daß alle armen Kinder ihr zu gering schienen, sie nur anzusehen, denn sie glaubte sich über allen erhaben, und wenn ihre Lehrerin von ihr verlangte, sie solle eine Aufgabe lösen, dann stampfte sie mit dem Füßchen und behauptete, das Arbeiten sei nur nötig für arme Leute.