Aennchen erschrak beinahe, als sie sie anblickte, und unwillkürlich mußte sie, als sie wieder auf ihrem Platz saß, ihre Blicke vergleichend zu ihrer Nachbarin zur Linken hinüberfliegen lassen, welche sie heute den ganzen Morgen noch nicht beachtet und kaum eines Grußes gewürdigt hatte. Martha war auch um zehn Uhr nicht in den Garten gegangen, da sie sich vor dem wilden Mädchen gefürchtet hatte; doch saß sie mit ihren sanften stillen Augen ganz zufrieden auf ihrem Sitz, als ob ihr das größte Vergnügen zuteil geworden wäre. Unwillkürlich, beinahe ohne zu wissen, was sie that, reichte ihr Aennchen die Hand hinüber und mit einem überraschten beglückten Ausdruck legte Martha ihr schmales Händchen hinein. Gesprochen wurde nichts dabei, aber Aennchen fühlte sich mit einemmal viel ruhiger und der Gedanke flog ihr durch den Sinn: Könnte ich doch diesem Mädchen ein wenig ähnlich werden!

Nun begann wieder der Unterricht und diesmal war Aennchen eine achtsame Schülerin. Herr Milde las schöne Gedichte und Lieder vor, um sie der Kinder Gedächtnis einzuprägen für die nächste Singstunde. Gar zu gut gefiel Aennchen das schöne Lied:

»Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?«

Und als sie das hübsche Liedchen lernen mußte: »Ich hatt’ einen Kameraden« – da schwebte merkwürdigerweise in ihrer Phantasie als »treuer Kamerad« ihr nicht die schöne glänzende Alma, sondern die kleine verwachsene Gestalt der armen Martha vor. So verging die Zeit diesmal so rasch, daß sie beinahe mit Bedauern zwölf Uhr schlagen hörte, und nun kehrte ihr auch ihr ganzes Unglück wieder ins Gedächtnis zurück, als Herr Milde mit einem Briefchen auf sie zutrat und dasselbe ihren Eltern zu bringen befahl. O sie wußte wohl, was es enthielt, und wie schrecklich war es, dasselbe selbst übergeben zu müssen!

Den ganzen Heimweg über zermarterte sie sich den Kopf, wie sie sich des Briefchens am besten entledigen könnte – wie? wenn sie es am Ende unterschlug und gar nicht abgab, dann würde sie doch heute abend die Menagerie besuchen dürfen! Aber »pfui Aennchen!« schalt sie sich selbst aus, »das wäre ja abscheulich schlecht gehandelt und das Schlimmste, was man begehen könnte!«

So schlich sie denn, zu Hause angelangt, recht kleinlaut die Treppe hinauf, wo ihr die Mutter mit freundlichem Gruß entgegenkam: »Nun, mein liebes kleines Mädchen, hast du eine recht gute Zensur mit nach Haus gebracht?«

Bitterlich weinend, verbarg Aennchen ihr beschämtes Gesicht in der Mutter Rock: »Ach nein, Mama, ich bin ein recht unartiges Mädchen gewesen, der Herr Lehrer hat dir alles in dem Briefe geschrieben, aber das Schlimmste, das Schlimmste weiß er doch nicht und ich kann es dir nur leis ins Ohr sagen.« Damit drückte sie den Mund fest an das Ohr der Mutter und flüsterte:

»Ich wollte das Briefchen unterwegs zerreißen und nichts davon sagen.«

Erschrocken rief die Mama: »O Aennchen, das hast du thun wollen! Wie gut, daß dein frommer Engel dich noch rechtzeitig von solch schlimmem Unrecht zurückgehalten hat. Was du auch je im Uebermut und Leichtsinn begehen magst, es wird mich zwar immer sehr betrüben, aber ich kann es dir doch eher verzeihen, als wenn du zur Unwahrheit und Heuchelei deine Zuflucht nimmst! Und nun geh hinein, mein Kind, und wasche deine verweinten Augen; ich werde indes Papa des Lehrers Brief bringen; freilich kann es mit dem versprochenen Vergnügen für heute Abend nun nichts werden.«

Ja, leider wurde nichts daraus, wenn auch die Eltern dem reuigen Aennchen bald verziehen, als es so zerknirscht um Verzeihung bat. Die kleinen Brüder bekamen auch Strafe, daß sie sich über die Tafel der Schwester gewagt hatten. Als am Abend der Papa mit Bruder Fritz, der eine gute Zensur mit nach Hause gebracht hatte, zur Vorstellung fortging, da mußte sie brav bei Mama zu Hause sitzen und ihre Aufgaben sorgfältig machen. Aber sie war heute doch voll Eifer dabei und es ging ihr leichter von der Hand und als sie dann zu Bette ging, da betete sie heute bei Mama in ganz besonders andächtiger Weise: