In dumpfem Brüten saß sie auf ihrer Bank und vernahm kaum etwas von dem Unterricht und doch erzählte Herr Milde in solch schlichter fesselnder Weise eine Geschichte vom lieben Heiland.

Als um zehn Uhr zur Freiviertelstunde die Mädchen alle wieder fröhlich aus der Klasse strömten, da hatte sie heute nicht die geringste Lust, ihnen zu folgen; doch Alma faßte sie einfach am Arm und zog sie mit sich fort in den Garten hinunter. Und hier begann sie lebhaft auf sie einzureden, sie solle doch nicht so thöricht sein und sich solche Kleinigkeit so sehr zu Herzen nehmen, ihre Eltern würden ihr sicher nicht gleich den Kopf deswegen abreißen.

»Du hast gut reden, Alma,« schluchzte Aennchen, »meine Eltern hatten mir versprochen, mich, wenn ich eine gute Zensur mit nach Hause brächte, in die Menagerie zu führen, und nun ist es nichts damit.«

»Weiter nichts?« meinte Alma geringschätzig, »aus dieser gewöhnlichen Menagerie machst du dir etwas? Ich sage dir, da ist ein Kunstreiterzirkus viel schöner und ich habe schon oft einen gesehen. Soll ich dir zeigen, wie sie dort tanzen?«

Damit faßte sie ihr Röckchen zierlich an beiden Seiten, senkte sich tief zu Boden und machte eine anmutige Verbeugung. Nun begann sie vorwärts und rückwärts zu schreiten, erst langsam, dann immer schneller, jetzt drehte sie sich rings im Kreis herum, die schmalen Fußspitzen berührten den Boden kaum und im raschen Reigen flog sie auf und nieder. Wie gebannt hingen Aennchens Blicke an der reizenden Erscheinung; auch die andern Schülerinnen hatten ihre Spiele eingestellt und standen atemlos im Kreis herum.

Als sie endlich ihren Tanz mit einer nochmaligen Verbeugung schloß, da erschallte lautes Beifallsrufen aus den Reihen der Mädchen, nur einige, welche Alma nicht leiden mochten, verharrten in mißgünstigem Schweigen und ein größeres blasses Mädchen mit unfreundlichem Gesicht flüsterte hämisch:

»Wie eine Gauklerin!«

Alma hatte die Bemerkung wohl vernommen und mit dunkelglühenden Wangen stürzte sie auf die Sprecherin zu:

»Warum hast du mich Gauklerin genannt, Sarah Elich? nimm es gleich zurück!«

Sarah Elich aber schwieg verstockt still, da drang Alma mit erhobenen Armen auf sie ein und nur mit Mühe gelang es den Mädchen, die beiden auseinander zu bringen. Zur rechten Zeit rief gerade die Schulglocke die Kinder wieder ins Haus zurück, die leidenschaftliche Alma aber folgte mit Thränen des Zornes und knirschenden Zähnen ihrem Ruf, und ihr wunderschönes Gesicht sah ganz entstellt aus, als sie vor sich hin murmelte: »Dieser Sarah werde ich es noch gedenken!«