»Verzeihen Sie,« flüsterte Aennchen, aber die Bitte kam sehr gezwungen heraus, denn es war zu peinlich für das Trotzköpfchen, hier so öffentlich Abbitte thun zu müssen; bereits begann sich ihre üble Laune wieder zu regen und indem sie die Unterlippe schmollend hängen ließ, schlüpfte sie auf ihren Platz.

Hier begrüßte sie Alma sogleich lebhaft durch heimliches Zupfen, Nicken und Flüstern und schon wollte Aennchen ein leises Gespräch mit ihr beginnen, da stand Herr Milde vor ihr und begehrte die gefertigte Hausaufgabe zu sehen. Hastig begann sie den Ranzen aufzuschnallen, daß Bücher und Hefte durcheinander purzelten, und zog die schöne neue Schiefertafel hervor mit einem Gefühle heimlicher Befriedigung:

»Nun wird Herr Milde sicher Respekt bekommen, wenn er die vielen i’s sieht!«

Aber was war denn das? Die Seite war ja leer! Höchst erstaunt drehte sie die Tafel auf die andere Seite, doch auch hier war kein einziges i zu erblicken, nur ein wirres Durcheinander von Strichen und kleines Gekritzel. Verblüfft starrte Aennchen darauf hin – war dies denn ihre Tafel und wie war die Verwandlung vor sich gegangen?

»Nun, wo ist die Hausaufgabe? Du faules Mädchen hast sie wohl am Ende gar nicht gefertigt?« fragte Herr Milde ernstlich erzürnt.

»Freilich, Herr Lehrer,« schluchzte sie, »ich hatte die beiden Seiten vollgeschrieben und weiß nicht, warum sie jetzt leer sind – doch halt,« ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf, »gewiß waren es die unartigen kleinen Brüder, welche mir darüber gekommen sind.«

»Wie konnten diese zu deiner Büchertasche gelangen? Hattest du sie denn nicht gut verwahrt?«

»Nein,« weinte Aennchen, »weil die Menagerie vors Haus kam, ließ ich alles liegen und sprang davon.«

»Also bist du wirklich allein schuld daran,« tadelte Herr Milde ernst, »denn ein Mädchen, ob es noch so klein ist, soll vor allen Dingen stets ordentlich reinlich und pünktlich sein. Solange sie das nicht ist, muß sie für ihre Fehler bestraft werden, bis sie dieselben abgelegt hat. Ich kann dir nicht helfen, Aennchen, ich muß deinen Eltern Anzeige von dem Vorfall erstatten, damit diese dich nach ihrem Ermessen bestrafen können.«

Damit entfernte sich Herr Milde und ließ Aennchen in einer trostlosen Verfassung zurück. Ach, sie wußte wohl, womit ihre Eltern sie bestrafen würden; warum mußte ihr das Unglück auch gerade heute passieren!