Als Aennchen spät abends endlich erhitzt zum Schlafengehen herauf kam, zankte Lisette tüchtig und sagte:

»Du hast heute wieder eine schöne Unordnung hinterlassen, Wildfang. Als ich hereinkam, waren die Kleinen über deine Sachen her und ich konnte sie nur gerade noch retten, indem ich alles rasch ins Ränzel zusammenwarf. Nun magst du selbst sehen, ob alles in Ordnung ist.«

»Es wird schon in Ordnung sein,« erwiderte Aennchen leichtsinnig und blickte nicht mehr nach dem Ränzchen um; sie ließ sich auskleiden und schlief fröhlich ein.

Drittes Kapitel.
Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft.

Der andere Morgen brach recht verdrießlich für Aennchen an, indem sie verschlief. Lisette, welche sich heute bei der großen Wäsche, die im Hause war, zu schaffen machte und der bei solchem wichtigen Ereignis alles andere unbedeutend erschien, kam zu spät, sie zu wecken und anzukleiden. So geschah es, daß Aennchen zuerst mit dem linken Fuß aus dem Bett fuhr und deshalb schon beim Ankleiden recht verdrießlich und weinerlich war. Mit knapper Not konnte sie noch einige Tropfen Milch zu sich nehmen, dann mußte sie eiligst nach dem Ranzen greifen und ihren Weg, vielmehr ihren Sturmlauf, nach der Schule antreten.

Dennoch gelang es ihr nicht, sie noch rechtzeitig zu erreichen, denn als sie noch auf der Straße war, schlug die große Turmuhr bereits neun Schläge aus und in atemloser Hast rannte sie daher in das Schulgebäude hinein, die Treppe hinauf und in das Klassenzimmer, wo sie, unbekümmert um die Störung und das Aufsehen, welches sie verursachte, ihren Platz zu erreichen strebte. Aber Herr Milde trat ihr ernst und streng entgegen und faßte sie bei der Hand:

»Langsam, langsam, mein Kind! Weißt du nicht, daß man beim Betreten eines Zimmers höflich und fein grüßen muß? weißt du nicht, daß man pünktlich in der Klasse zu erscheinen hat und wenn dies nicht der Fall ist, wenigstens eine triftige Entschuldigung für die Verspätung vorbringen muß?«

»Lisette hat mich zu lange schlafen lassen,« stotterte Aennchen verlegen und unter den neugierigen Blicken der andern tief errötend.

»Nun und wie bittet man jetzt um Verzeihung?« fragte Herr Milde.