Sie waren an Aennchens Haus angelangt; eine große, prächtige Eingangspforte führte hinein; weiter unten bildete eine schmale Thüre einen Durchgang, welcher zum Hinterhause führte. Hier schieden die beiden Schulmädchen voneinander; Aennchen sprang fröhlich und leichtherzig die Treppe hinauf und Martha schlich still von dannen.

Was hatte Aennchen heute zu Mittag alles zu berichten! Ihre ganze Phantasie war noch von der neuen Freundin Alma angefüllt, so daß sie ganz darüber vergaß, der Mama von der kleinen verwachsenen Martha zu erzählen. Sie kam sich den Brüdern gegenüber höchst wichtig mit ihren Erlebnissen vor und als Bruder Fritz sie wie sonst necken wollte, da meinte sie sehr stolz, diese Zeiten seien vorbei, sie sei nun ein Schulmädel und wolle sich nichts mehr gefallen lassen.

Nach Tisch mußte Fritz wieder in die Schule fort; Annchen aber hatte keine Stunde und da es fatalerweise zu regnen begann, so konnte nicht einmal in den Garten gegangen werden. Aennchen rief die kleinen Brüder zu sich auf den Hausflur zum Spielen; sie wußte zwar, daß um diese Zeit, wenn Papa schlafen wollte, nicht viel Geräusch gemacht werden durfte, und anfangs ging alles ganz still und artig zu. Bald aber fing sie mit den kleinen Knaben an, laut herumzutollen und Hermännchen so lang zu necken, bis er tüchtig zu schreien begann. Nun kam der Vater mit rotem Kopf zornig zur Thüre heraus und rief:

»Du nichtsnutziges kleines Mädel! Kannst du mich denn niemals schlafen lassen? Hast du keine Hausaufgabe für die Schule zu machen?«

Aennchen murmelte »Ja.«

»Dann marsch in die Stube und nicht eher heraus, bis alles gut fertig ist!«

So schlich denn Aennchen recht beschämt in die Kinderstube und setzte sich an den großen Tisch, wo sie sich auf ihrer Tafel bemühte, die aufgegebene Arbeit gut fertig zu bringen. Sie ächzte und seufzte dabei und sah immer sehnsüchtig aus dem Fenster, denn es hatte bereits zu regnen aufgehört und die Kinderfrau hatte die Brüderchen in den Garten genommen. Wie schwer doch das Stillsitzen war und die i’s standen alle so bucklig auf den Linien; doch endlich waren beide Seiten der Tafel bedeckt und nun atmete sie auf und sprang empor, ließ Griffel, Tafel und Ränzchen liegen, wie sie ausgebreitet waren – es zog sie hinunter nach dem Garten.

Doch halt, was tönte da für ein fröhlicher Lärm die Straße herauf. Pfeifen und Trommeln und Lachen und Schreien. Eben stürmte Fritz mit den Büchern unterm Arme den Hausflur herein: »Aennchen, komm, es giebt etwas zu sehen.« Und sofort flog diese mit ihm hinaus und starrte mit entzückten Augen die Wunder an, welche da vorüberzogen. Voran winzig kleine Pferde, auf welchen buntgekleidete Kinder saßen und standen, dann eine Schar Musikanten mit Pfeifen und Trommeln, dann ein großer großer Elefant, auf dessen Rücken lustige Aefflein Grimassen schnitten, und diesen nach ein großes braunes Kamel. Und nun folgten noch ein Zebra und eine Menge anderer Tiere, welche Aennchen nicht kannte, es war ein Lärm und Getöse und die Gassenjugend jubelte und stürmte hinterdrein. Aennchen wußte sich vor Entzücken kaum zu fassen und als vom ganzen Zug endlich nichts mehr zu sehen war, da stürmte sie mit Bruder Fritz die Treppe hinauf, den Eltern das Wunder zu berichten. Papa hatte auch aus dem Fenster geschaut und meinte nun freundlich:

»Ja, ja, solch eine Menagerie ist wohl interessant und wenn meine beiden großen Schulkinder sich bis morgen recht gut aufführen und gute Noten nach Hause bringen, dann führe ich euch morgen abend in die Vorstellung.«

Wer war glücklicher als die beiden Geschwister! Sie sprangen und jubelten und konnten den andern Tag kaum erwarten. Fritz mußte Aennchen alles erzählen, was er in der Schule schon von fremden Tieren erfahren hatte, wo die Heimat der Elefanten und Kamele sei und wie sich die verschiedenen andern Tiere alle benennen. Und gleich begannen sie dann im Garten selbst mit den kleinen Brüdern Menagerie zu spielen.