Aufs tiefste beschämt nahm Aennchen die Strafe hin und suchte beim Aufbruch ganz zerknirscht ihre sieben Sachen zusammen; Alma jedoch flüsterte ihr zu, sich doch nichts daraus zu machen, dergleichen würde wohl noch öfter vorkommen. Sie faßte die neue Freundin unter dem Arm und zog sie mit auf die Straße. Unten an der Ecke des Hauses hielt ein reizender kleiner Wagen mit zwei munteren Ponies bespannt. Wie staunte Aennchen, als Alma darauf zusprang, in einem Nu den Bock erreichte und dem Kutscher die Zügel aus der Hand nahm.
»Adieu, mein Herz, auf Wiedersehen morgen!« rief sie lachend, dann schlug sie auf die Pferdchen ein und fort ging es im sausenden Galopp.
Aennchen stand noch lange und sah ihr nach; sie kam sich recht armselig vor, so zu Fuß nach Haus traben zu müssen, während die Freundin so stolz kutschieren konnte. Als sie noch dastand, kam eben die kleine bescheidene Martha vorübergegangen. Sie blieb stehen und fragte freundlich:
»Willst du vielleicht mit mir kommen, Aennchen?«
»Wo wohnst du denn?« fragte diese ziemlich kühl, »wir haben sicher nicht denselben Weg.«
»O doch,« erwiderte Martha. »Wir wohnen sogar sehr nahe zusammen und ich habe dich schon oft in eurem schönen Garten spielen sehen, denn meine Mutter hat die Wohnung in eurem Hinterhause seit einiger Zeit gemietet.«
»Aber warum bist du denn dann niemals zu mir in den Garten gekommen?« fragte Aennchen überrascht.
»Mutter erlaubte es nicht; sie sagte, wir hätten kein Recht dazu,« war die bescheidene Antwort. »Auch habe ich zum Spielen beinahe keine Zeit. Ich muß Mütterchen zu Hause an die Hand gehen und meiner kranken Schwester Gesellschaft leisten.«
»Aber du bist ja noch so klein?« staunte Aennchen.
Ein wehmütiges Lächeln fuhr über das sanfte Gesichtchen Marthas. »Freilich bin ich noch klein und schwach,« sagte sie, »aber ich thue eben, was ich kann; später wird es schon besser werden.«