Als aber Herr Milde zu den drei Mädchen kam, da zeigte es sich doch, daß sie kein Recht hatte, zu thun und zu lassen, was sie wolle, denn er schalt sie aus, daß sie ihrer neuen Nachbarin kein besseres Beispiel gebe, die kleine Martha aber lobte er sehr und beauftragte sie, Aennchen etwas mit Rat beizustehen.

So ging die erste Stunde zu Ende, schneller, als Aennchen es gedacht hatte, und als es 10 Uhr schlug, da sprach Herr Milde:

»Nun dürft ihre eure Arbeit fortlegen und in den Garten springen!«

Jetzt ging ein Jubel und Lärmen los! Alle die vierzig Mädchen wollten laut zur Bank hinausstürzen, Herr Milde aber gebot: »Eine nach der andern und immer hübsch ruhig!« Da dämpften sie die fröhlichen Stimmen und schoben sich artiger zur Thüre hinaus. Auch Aennchen wurde mit fortgezogen in der Schar und befand sich schließlich in einem großen Garten, der nur wenige Beete und Blumen, dafür aber einen großen Kies- und Rasenplatz aufzuweisen hatte. Und auf diesen Plätzen spielten nun die verschiedenen Klassen und vergnügten sich, wie sie wollten.

Aennchens Mitschülerinnen hatten bald einen großen Kreis gebildet, sie kamen auch zu Aennchen und forderten sie auf, teilzunehmen. Fröhlich trat sie in die Reihe zum »Ringelreihspiel« und begann bald herzhaft zu springen und zu jauchzen und es ihrer Nachbarin, der ausgelassenen Alma, nachzumachen. Als der Kreis sich wieder drehte, sah sie die kleine verwachsene Martha ganz still und traurig außen stehen.

»Komm doch und spiele mit!« rief sie ihr zu.

»Geh, laß sie doch, sie ist ja bucklig,« wehrte ihr Alma laut und rücksichtslos ab.

Erschrocken sah Aennchen sich nach der Kleinen um, ob sie die schlimmen Worte gehört habe; wirklich glänzten dem armen Kind zwei große Thränen in den Augen und flossen langsam die schmalen Wänglein herunter. Aber Alma zog Aennchen mit sich fort und diese hatte einen solchen Respekt vor der glänzenden Gefährtin, daß sie ihr nicht zu wiedersprechen wagte, sondern sich im Gegenteil sehr geschmeichelt fühlte, so sehr von ihrer Gunst beglückt zu werden. Denn hier auf dem Spielplatz behauptete Alma entschieden die erste Rolle; sie gab alle Spiele an, entschied, wer sich dabei beteiligen durfte, lachte und jubelte am lautesten, sprang und tanzte am geschicktesten und verstand den Ball so hoch in die Luft zu schleudern und wieder zu fangen, wie Aennchen es noch nicht einmal von ihrem Bruder Fritz gesehen hatte. Sie staunte nur so vor Bewunderung und betete die neue Freundin förmlich an.

Freilich, als die Freiviertelstunde vorüber war und der Unterricht wieder begann, da mußte die Bewunderung für Almas Leistungen bald ein Ende finden, denn der Lehrer hatte gerade bei ihr immer am meisten zu tadeln und zu rügen.

Aennchen aber war ganz eingenommen von ihrer Nachbarin und diese verstand so reizend und witzig zu plaudern und ihr heimlich eine Menge Scherzhaftes zuzuflüstern, daß sie ganz den Unterricht vergaß und sich nur immer unterhalten wollte. Schon machte Herr Milde ernste Augen und sah oftmals herüber zu den kleinen Klatschmäulchen – Martha stieß die Nachbarin heimlich mit dem Fuße an, doch ruhig zu sein – allein Aennchen war wie bezaubert und die Folge ihrer Unachtsamkeit war schließlich, daß der Lehrer, ordentlich böse geworden, ihr am Schluß der Stunde die doppelte Hausaufgabe zuerteilte, als den andern, und Alma wurde gar ein Tadel ins Buch geschrieben.