Aennchen blickte sie erstaunt an. Schon ein ganzes Jahr war sie hier in der Schule – wie furchtbar gelehrt mußte sie sein! Aeußerlich war freilich nichts Auffallendes davon zu sehen, außer daß sie sich ziemlich ungeniert benahm, sich bequem zurücklehnte und die Füße baumeln ließ und hinter des Herrn Lehrers Rücken an einer Schokoladentafel knusperte. Sie war ein wunderhübsches Geschöpf mit goldig rotem Haar, welches in tausend Löckchen um das reizende Gesicht flatterte; gekleidet war sie in ein blaues Samtkleid, aus dem ihre bloßen Schultern und Aermchen leuchtend hervorblickten. Aennchen glaubte, noch nie ein solch entzückendes Wesen erblickt zu haben, und atemlos flüsterte sie zu Martha hinüber:
»Wie heißt das Mädchen neben mir?«
Diese gab leise zurück: »Alma von Stolzau. – Aber jetzt darfst du nichts mehr sprechen – die Stunde beginnt.«
Denn soeben hob die Schuluhr zum Schlage aus und als die neun Klänge verklungen waren, da gab Herr Milde auf seinem Katheder, den er inzwischen bestiegen hatte, ein Zeichen und nahm eine Violine zur Hand.
Wir singen heute den Choral: »Ach bleib’ mit Deiner Gnade« – sagte er, »wer von den Neueingetretenen ihn von zu Hause her kennt, darf mitsingen.«
Aennchen kannte ihn wohl, die Mama hatte ihn oft mit den Kindern gesungen und so stimmte sie herzhaft mit in den Chor all der kleinen Kehlen ein. Auch ihre Nachbarin Martha sang mit klarer Stimme mit, Alma jedoch, obgleich sie schon so lange in der Schule war, hielt das feine Taschentuch an die Lippen, als ob sie Halsweh hätte, und sang nicht mit. Aennchen sah sie verwundert an.
Nach dem Choral betete die ganze Klasse stehend das Vaterunser und dann trat plötzlich eine tiefe Stille ein, bis Herr Milde gebot, die Griffel und Tafel sollten hervorgeholt werden. Das thaten nun alle mit großem Eifer und auch Aennchen nahm mit geheimem Stolz ihre schöne Tafel heraus – gewiß hatte keine der Schülerinnen eine gleiche – Marthas Tafel war wenigstens ganz einfach von Schiefer und weißem Holz, doch Alma besaß wirklich eine noch viel schönere und ihre Griffel waren mit Goldpapier umwickelt. Aennchen staunte!
Nun nahm Herr Milde eine Kreide zur Hand und schrieb an die Tafel ein kleines i – das sollten die Kinder nachschreiben und nun machten sich Hunderte von kleinen Fingern an diese Arbeit, während der Herr Lehrer von einer zur andern ging und Umschau hielt. Das gab harte Plage! Aennchen mühte und mühte sich, aber sie brachte keinen geraden Strich zu stande und bewundernd sah sie der kleinen Martha zu, welche schon eine Menge von schönen i’s gemalt hatte. Alma jedoch saß ganz müßig da.
»Warum schreibst du nicht?« fragte Aennchen erstaunt.
»Ich kann es schon und habe keine Lust,« gab sie nachlässig zur Antwort.