»Ist kein Platz mehr für unser Aennchen übrig?«
In der dritten Reihe rückten zwei Mädchen zusammen und streckten die Finger in die Höhe:
»Hier!«
Herr Milde nahm Aennchen an der Hand und setzte sie zwischen die beiden Mädchen; ängstlich blickte sie sich nach der Mama um. Diese hatte sie allein gelassen bei all den fremden Mädchen. Sie legte den Kopf auf das Pult, barg das Gesicht in den Händen und weinte leise und ängstlich vor sich hin. Da streichelte ein weiches Händchen ihre Wange und eine sanfte Stimme flüsterte beruhigend:
»Sei ruhig, kleines Mädchen, du brauchst keine Furcht zu hegen.«
Aennchen blickte auf in ein sanftes Gesichtchen, das von schlichten hellen Haaren umrahmt war. Das Mädchen war klein und schmächtig gebaut und die rechte Schulter stand bedeutend in die Höhe; sie trug ein einfaches dunkles Kleid und eine hohe Schürze, um den Hals ein weißes Halstuch und sah so schlicht aus wie eine kleine Nonne. Aennchen fühlte sich neugierig angezogen und fragte, ihre Thränen trocknend:
»Wie heißt du?«
»Martha Traugott,« war die Antwort; »ich bin auch erst seit einigen Tagen in der Schule und schon ganz gut eingewöhnt, also siehst du, daß es nicht so schlimm ist.«
Die Nachbarin zur rechten Seite Aennchens, welche anfangs sehr spöttisch den Mund verzogen hatte, als sie diese weinen sah, blickte sie jetzt aufmerksam an und mischte sich in das Gespräch:
»Glaube ihr nicht, daß es nicht schlimm sein soll; ich sitze nun ein ganzes Jahr hier in der Klasse und finde es schrecklich.«