Als Aennchen an diesem Morgen erwachte, war ihr das kleine Herz recht schwer, denn gleich fiel ihr ein, daß ja heute der erste Schultag sein sollte. »Ach,« seufzte sie vor sich hin, »wie wird es mir gehen! Wenn doch dieser erste Tag schon vorüber wäre.«
Aber es half kein Seufzen; sie mußte sich dazu bequemen, aufzustehen und sich von Lisette, der alten Kinderfrau, ankleiden zu lassen. Diese that es heute beinahe etwas respektvoll und sagte:
»Nun wirst du ja wohl bald gar ein Fräulein sein und so gelehrt werden, daß du mehr weißt wie ich selbst, und mir vorlesen kannst aus deinen schönen Büchern. Auch das Ankleiden kannst du jetzt bald allein besorgen, ein Schulmädel muß ja alles können. Hast du denn schon die schönen neuen Schulkleider gesehen, welche Mama für dich bereit gelegt hat?«
Ei der Tausend, die waren freilich hübsch! Ein rotes Wollkleidchen mit weißen Borten und eine große schwarze Schürze mit Spitzen besetzt, ein helles warmes Mäntelchen und ein hübsches Mützchen – alles nagelneu, war neben dem Ränzchen auf den Tisch gebreitet. Das war freilich eine Freude für Aennchen, die ein kleines eitles Ding war und sich gar gerne putzen ließ.
Und so stand sie denn bald, ganz nagelneu angezogen, denn selbst Strümpfe und Stiefel waren neu, vor den Eltern und Geschwistern und kam sich förmlich wichtig vor, als sie nun das Ränzchen auf den Rücken nahm und Papa auf die Uhr sah und sprach:
»Nun muß unsere Tochter aber in die Schule fort; es ist hohe Zeit.«
Mama setzte ihren Hut auf und Aennchen nahm Abschied von den kleinen Geschwistern, als ginge es zum mindesten nach Amerika, dann gab sie Papa noch einen Kuß und fort ging es an der Mutter Hand zum Hause hinaus.
Auf der Straße erblickte sie eine Menge Schulkinder, Mädchen und Knaben und alle sahen sie neugierig an; je näher sie der Schule kam, desto mehr kleine Mädchen gingen mit ihnen denselben Weg, viele allein, manche von ihrer Mutter begleitet, denn das neue Schuljahr hatte noch nicht lange begonnen.
Das Schulhaus war ein großes altes Gebäude, welches wohl früher ein Kloster gewesen sein mochte. Es hatte ein großes Portal und so viele Fenster, wie Aennchen noch nie gesehen hatte. Aennchen stieg an der Hand der Mutter drei breite Treppen empor; das Herz klopfte ihr, als ob es zerspringen wollte, und sie sah gar nicht mehr, wohin sie ging. Da stand sie auf einmal in einem großen Saale und der Herr Lehrer kam auf die Mama zu und sprach mit ihr. Diese stellte ihr Töchterchen vor und sprach zu Aennchen, welche ihre Hand mit krampfhaftem Griff umklammert hielt:
»Sei doch nicht so furchtsam, Kind, und gib Herrn Milde eine Hand!« Da blickte sie langsam auf und in das Gesicht des Herrn Milde, der so sanfte Augen hatte, welche hinter einer Brille hervorblickten, und so freundlich lächelte, daß sie alle Furcht verlor und ihre kleine Hand in die seine legte. Nun blickte er sich um, die langen Reihe der Bänke entlang, welche Sitz an Sitz mit lauter kleinen Mädchen besetzt waren, und fragte: